Achtung Achtung!

Die ESH hat nun eine neue eigene Plattform (abrufbar im Menü unter "Enthinderung"). Auf absehbare Zeit wird jene Plattform aktueller gestaltet sein als diese hier.

7 allgemeine Distanzierungen

Der ESH begegnen im Alltag immer wieder Ansichten, die wir problematisch finden. Aus diesem Grund möchten wir uns geballt von verschiedenen Sachverhalten distanzieren und teils Lösungen aufzeigen.

  1. Zur Ansicht Autismus stelle eine Krankheit, eine Störung, Entwicklungsverzögerung etc. dar
    Autismus ist keine Krankheit. Ebenso, wie vor wenigen Jahrzehnten Homosexualit√§t, wird Autismus heutzutage als Krankheit betrachtet. Hierbei handelt es sich nicht um eine objektive Einordnung, sondern um den Ausdruck letztlich willk√ľrlicher kultureller Normen einer Gesellschaft, die es nicht fertigbringt, sich selbst positiv zu definieren und zu diesem Zweck Abgrenzungen ben√∂tigt zu Eigenschaften, die dann als schlecht eingeordnet werden. Etwas als Krankheit einzuordnen macht unmi√üverst√§ndlich klar, da√ü dieses Etwas zur Beseitigung vorgesehen wird. Wenn ich einen Schnupfen habe und diesen als Krankheit bezeichne, dann tue ich dies, weil ich ihn unangenehm finde, mich von ihm gest√∂rt f√ľhle. Autismus ist jedoch eine angeborene Pers√∂nlichkeitsveranlagung, die allenfalls unter den aktuell gegebenen Lebensumst√§nden ein erh√∂htes Risiko zu verschiedenen Problematiken mit sich bringt. Das ist jedoch nicht auf Autismus zur√ľckzuf√ľhren, sondern auf die Folgen der Minderheitenstellung der Autisten in dieser Gesellschaft. Erst seit Kurzem wird dieser Diskriminierung mit allgemeinen Entwicklungsans√§tzen wie dem Universellen Design von Industriewaren und Dienstleistungen Rechnung getragen. In einer vergleichbaren Minderheitenposition w√ľrden durchschnittliche Nichtautisten innerhalb einer - durchaus auch realistisch lebensf√§higen - autistischen Mehrheitsgesellschaft vermutlich unter √§hnlichen Problemen leiden. Die Tragweite dieser Feststellung wird nach derzeitigem Stand leider nur einer Handvoll Nichtautisten klar sein, da fast nur sehr oberfl√§chliches Pseudowissen zu Autismus vorherrscht und die Wissenschaft sich in diesem Bereich ungef√§hr auf einem Stand befindet, der der historischen Ansicht gleicht, weibliche Hysterie k√∂nne durch Entfernung der Geb√§rmutter geheilt werden.
    Zu beobachteten Entwicklungsabl√§ufen ist anzumerken, da√ü Autisten sich zumindest unter den gegebenen Umst√§nden oft anders entwickeln. In einigen Bereichen sind sie gleichaltrigen Nichtautisten mitunter "weit voraus", in anderen diese ihnen. Da Autisten jedoch von ihrem Umfeld als krank betrachtet werden, werden oft einseitige Beschreibungen vorgenommen, die dann pathologisierend ausfallen und in diesem Sinne ein ausschlie√ülich defizit√§res Bild zeichnen. Dieses wird dann oft von anderen Personen wieder aus den Unterlagen abgeschrieben, weil ja heute praktisch jeder im Gesundheitswesen √ľberlastet ist und unter dem Druck steht, m√∂glichst leistungsf√§hig zu erscheinen. Bei umgekehrten Vorzeichen k√∂nnte man auch durchschnittliche Nichtautisten als entwicklungsverz√∂gert betrachten. Eine besondere Tragik besteht darin, da√ü immer wieder Autisten aufgrund dieser Einordnung bei letztlich nutzlosen Umerziehungsversuchen zu von Nichtautisten als Norm betrachteten Gewohnheiten psychisch grundlegend zerr√ľttet werden, statt ihnen in ihren vorhandenen St√§rken unbeschwerte Bildung zu erm√∂glichen. Unter anderem hierbei ergeben sich deutliche Parallelen zu Diskriminierungen von Geh√∂rlosen.
    Kurz: Autisten werden durch √§nderbare Lebensumst√§nde krank gemacht, sind jedoch nicht wegen ihres Autismus krank. Autisten werden durch √§nderbare Lebensumst√§nde gest√∂rt, sind jedoch nicht wegen ihres Autismus gest√∂rt. Autismus ist eine runde Sache, die einem erf√ľllten Leben nicht entgegensteht.
  2. Jemand "habe" Autismus, "leide" unter Autismus, sei von Autismus "betroffen", sei "autistisch behindert", ein "Mensch mit Autismus", ein "Mensch mit Behinderung", etc.
    Viele Autisten haben tiefes und umfassendes Leid dadurch erlebt, da√ü Nichtautisten sie mittels ihrer nichtautistischen Empathie (die eine Projektion ihrer Selbstwahrnehmung auf Mitmenschen darstellt) als Nichtautisten betrachteten, die von Autismus gewisserma√üen versch√ľttet sind und Autisten von diesem vermeintlichen Zustand zu befreien versuchten. Deswegen reagieren viele Autisten sehr empfindlich, wenn Autismus von ihnen als Mensch in irgendeiner Weise als getrennt dargestellt wird. Die Pers√∂nlichkeit eines Autisten ist nicht trennbar von dem Pers√∂nlichkeitselement Autismus.
    Deswegen "hat" niemand Autismus, sondern ist Autist. Deswegen leidet niemand unter Autismus, sondern unter einer nichtautistisch gepr√§gten, diskriminierend gestalteten Kulturlandschaft. Deswegen ist niemand von Autismus "betroffen", denn Betroffensein weist auf etwas "Schlimmes" hin, was Autismus als etwas Sch√∂nes nicht ist. Deswegen ist niemand "autistisch behindert", sondern wird als Autist von ebendiesen Umst√§nden behindert. Deswegen gibt es keine "Menschen mit Autismus", wie es auch keine "Menschen mit Nichtautismus" gibt. Zudem sei darauf hingewiesen, da√ü nicht wenige Autisten sich selbst generell nicht als "Mensch" bezeichnet sehen wollen, da sie den Begriff "Mensch" mit von ihnen erlebter Barbarei von Nichtautisten in Verbindung bringen und etliche Autisten das Gef√ľhl haben, eine eigene Art darzustellen, die mit den (nichtautistischen) Menschen nicht mehr zu tun hat als andere Arten.
    Zum Begriff "Menschen mit Behinderung" ist mit gro√üem Bedauern anzumerken, da√ü in ihm eine Verschlimmbesserung des klassischen Begriffs "Behinderter" als vermeintlich diskriminierungsfreiem Begriff auch mit Hilfe mancher Behindertenverb√§nde Einzug in manche Bereiche des √∂ffentlichen Sprachgebrauchs gehalten hat. Dessen verheerende Wirkung ist kaum abzusch√§tzen. Dieser Begriff sollte ganz allgemein unbedingt ganz schnell wieder verschwinden, denn er schreibt in geradezu antiaufkl√§rerischer Weise die Behinderung quasi als Pers√∂nlichkeitseigenschaft dem durch √§u√üere Umst√§nde behinderten Menschen als Person zu und ignoriert praktisch komplett die Erkenntnisse der Disability Studies. Dies war im alten Begriff des "Behinderten" so noch nicht enthalten. Noch unverst√§ndlicher wird dies, wenn man sich vergegenw√§rtigt, da√ü f√ľr Freunde des Begriffs "Mensch" der Begriff "behinderter Mensch" ebenfalls gro√üe Verbreitung fand, welcher die geschilderte Problematik nicht aufweist.
    Hierbei sei am Rande noch erw√§hnt, da√ü die ESH es f√ľr sinnvoll h√§lt, Schwangerschaft als Behinderung umzubewerten, um den Begriff der Behinderung mehr aus seiner √ľberkommenen gesellschaftlichen Nische und der verbreiteten Assoziation mit einer Einschr√§nkung des Lebens herauszuholen. N√§heres siehe hier: http://autisten.enthinderung.de/schwangerschaft_behinderung

  3. Elternverbände verträten die Interessen von Autisten
    Leider werden bis heute Elternverb√§nde noch oft als Anlaufstellen der Politik oder aus sonstigen Anl√§ssen herangezogen. Diese Elternverb√§nde beteiligen Autisten meist nicht einmal symbolisch und grenzen Autisten teilweise direkt und auch indirekt durch mangelnde interne Barrierefreiheit aus. Viele beteiligte Eltern vertreten kulturelle Wertvorstellungen, die diskriminierende Natur besitzen. Teilweise spielen auch Therapeuten und √§hnliches Personal bei internen Entscheidungen eine gr√∂√üere Rolle, wobei deren finanzielle Interessen auch eine Triebkraft sein d√ľrften. Daher sei allgemein angeraten, sich zu vergewissern, da√ü Entscheidungstr√§ger, wenn es um Interessen von Autisten geht, auch eine Organisation kontaktieren, die ma√ügeblich von Autisten betrieben wird. Desweiteren sei vor zweifelhaften Organisationen wie "Autism Speaks" besonders ausdr√ľcklich gewarnt.
    Näheres dazu hier: http://www.autisticadvocacy.org/modules/smartsection/item.php?itemid=60
    Allgemein wird von uns dar√ľber hinaus auch innerhalb der Behindertenszene eine weitgehende Ausgrenzung von Autisten beobachtet. Barrierearme Kommunikation wird in einem sogar noch h√∂heren Ma√üe verweigert, als es im Kontakt mit allgemeinen √∂ffentlichen Stellen der Fall ist. Aus diesem Grund werden die Interessen von Autisten in Deutschland in der Regel bis heute auch nicht von ebenfalls durch Nichtautisten dominierten allgemeinen Behindertenverb√§nden vertreten. Autisten und Nichtautisten verstehen sich oft falsch aufgrund ihrer unterschiedlichen K√∂rperspache, wie Hund und Katze, die z.B. Bewegungen mit dem Schwanz gegens√§tzlich deuten.
  4. Freudige Hinweise auf den UN-"Weltautismustag"
    Der Feiertag der Autisten, die sich etwas aus Feiertagen machen, ist der Autistic Pride Day, welcher jedes Jahr am 18. Juni begangen wird. Wer den UN-Weltantiautismustag als Feiertag der Autisten feiert, der wird vermutlich auch kein Problem damit haben, den Jahrestag des Mailänder Kongresses als "Weltgehörlosentag" zu begehen.
    Autismusfeindliche Kreise haben es vor einigen Jahren geschafft, die UN-Generalversammlung daf√ľr zu benutzen, um eine dem Geist der damals erst startenden UN-Behindertenrechtskonvention widersprechende Gegenveranstaltung zum Autistic Pride Day einzurichten, die vor allem Pathologisierung von Autismus zum Ziel hat, den Welt(anti)autismustag, welcher j√§hrlich am 2. April begangen wird und somit zu einer symbolischen Manifestation der Fremdbestimmung von Autisten durch Nichtautisten wurde. In der Gr√ľndungsresolution des "Offiziellen Feiertags der Autistenumerzieher" wurde v√∂llig unkritisch ein Umerziehungsansatz vorausgesetzt, der in der Praxis meist mit sch√§dlichen, oft folterartigen Therapien und der Verweigerung von Barrierefreiheit einhergeht. Das w√§re mit "Nichts √ľber uns ohne uns" kaum je passiert.
    Uns fallen vor allem zwei Erklärungen dazu ein: Entweder wurde der Tag eingerichtet, ohne auch nur oberflächlich die Kultur der Autisten zu kennen oder es wurde bewußt eine Konkurrenzveranstaltung geschaffen, die mit teilweise harmlos und human wirkender Rhetorik letztlich gefährliche Desinformation mit einem Hang zu Eugenik an Autisten bezweckt. Wir vermuten eine Mischung aus beiden Erklärungen und rufen hiermit die UN auf, das Datum ihres Feiertags auf das etablierte Datum zu ändern und dabei auch den Geist dieses Tages zur Kenntnis zu nehmen oder ihn ganz abzuschaffen. Wir distanzieren uns scharf vom bisherigen Vorgehen der UN in dieser Angelegenheit.
  5. Es gäbe "schwer betroffene" und "leicht betroffene" Autisten, viele Autisten seien "geistig behindert"
    Oft wird behauptet, es g√§be Autisten, die an sich "autistischer" (im defizit√§ren Sinne) als andere seien. Tats√§chlich ist das Modell eines Autistischen Spektrums recht anerkannt. Hierbei wird davon ausgegangen, da√ü Autismus eine Pers√∂nlichkeitseigenschaft sei, die jeder Mensch aufweise, nur in unterschiedlicher Auspr√§gung. Ab einem letztlich wieder willk√ľrlich gesetzten Punkt innerhalb dieses Eigenschaftenspektrums beg√∂nne jemand Autist zu sein. An sich teilen wir diese Ansicht. Andererseits stellen wir fest, da√ü heutige Diagnosekriterien meist recht oberfl√§chlich sind und sich zu nennenswerten Teilen an Faktoren orientieren, die sich aus dem Zusammenspiel von autistischer Veranlagung und speziellem Lebensumfeld herleiten. Hierbei werden Aspekte als Symptom von Autismus betrachtet, die sehr klar nicht auf Autismus zur√ľckzuf√ľhren sind, sondern auf allgemeine menschliche Reaktionen auf hohe psychische Belastung. Nicht umsonst hatte Bettelheim sich bei Autisten an Insassen deutscher Konzentrationslager erinnert gef√ľhlt und daraus geschlu√üfolgert, da√ü autistischen Kindern schreckliches widerfahren m√ľsse. Da er jedoch nicht erkannte, da√ü Autismus eine Pers√∂nlichkeitseigenschaft ist, sa√ü er damals dem Trugschlu√ü auf, es handle sich bei Autisten um durchschnittliche Kinder, die unter in ung√ľnstigem Sinne ungew√∂hnlichen Eltern, besonders M√ľttern, litten - dem Bild des Nichtautisten, der von Autismus versch√ľttet ist. Dieser Irrtum ist lange als solcher bekannt, wobei man jedoch bis heute nun in einen gegenteiligen Irrtum verfiel, der den Einflu√ü des Umfelds auf die Entwicklung von Autisten str√§flich vernachl√§ssigt.
    Autisten nehmen die Welt teilweise sehr grundlegend anders wahr. Das zu fassen ist Nichtautisten im Grunde ebenso unm√∂glich, wie es Autisten unm√∂glich ist, durchschnittliche Nichtautisten wirklich zu begreifen. Ann√§herung besteht letztlich nur in rationalen Erkl√§rungsmustern, die oft nur geringe Teile der Zusammenh√§nge abzubilden imstande sind. F√ľr Nichtautisten v√∂llig unbedeutende Aspekte im Lebensumfeld k√∂nnen f√ľr einen einzelnen Autisten eine immense Rolle spielen. Da Nichtautisten die Bedingungen, unter welchen einzelne Autisten leben, so nicht ansatzweise unter Anwendung autistischer Empathie zu erkennen verm√∂gen und auch zugleich bis heute Autisten selbst nicht zur Beurteilung solcher Umst√§nde herangezogen werden, entsteht f√ľr diese Nichtautisten der Eindruck, wesentliche Teile des Verhaltens vieler Autisten wie allgemeinmenschliches √úberlastungsverhalten seien grundlos oder eben alleine lediglich in einer personenbedingten "Schwere" des pathologisch und durch oberfl√§chliche Kriterien betrachteten Autismus begr√ľndet. Dieser Eindruck ist jedoch v√∂llig falsch und wenn es in der Tat mehr oder weniger autistisch veranlagte Individuen gibt, so ist diese Veranlagung in keiner Weise mit dem gleichzusetzen, was Nichtautisten aus ihrem Blickwinkel erleben. Diesen Blickwinkel auf eine vermeintliche, mehr oder weniger feste Veranlagung zur√ľckzuf√ľhren, bedeutet Autisten eine ernsthafte Problemanalyse ihres Umfelds durch andere Autisten zu verweigern, ja nicht einmal den Gedanken zuzulassen, da√ü dieser Eindruck auf √§nderbare Lebensumst√§nde zur√ľckzuf√ľhren ist und somit einen Menschen lebenslang in seiner behebbaren tiefen Not zu belassen, in welcher auch leicht bei Nichtautisten ein Eindruck permamenter "geistiger Behinderung" entstehen kann.
  6. Es gäbe eine "Autismusepidemie", die Ausrichtung heutiger Autismusforschung, Autismus sei erworben
    Aufgrund steigender Diagnosezahlen wird von manchen Organisationen gerne eine "Autismusepidemie" konstruiert. Dieser Anstieg ist vermutlich damit zu erkl√§ren, da√ü mehr Diagnosen ausgesprochen werden, nachdem erst in den letzten Jahren die Diagnose in breiterer Weise bekanntgemacht wurde und nicht damit, da√ü sich der Anteil von Autisten an der Bev√∂lkerung tats√§chlich vergr√∂√üere. Eventuell hat ein Anstieg auch mit der allgemeinen Verschlechterung der Lebensbedingungen f√ľr Autisten zu tun, welche seit hunderttausenden von Jahren unter den Menschen leben (siehe auch hier: http://autismus.ra.unen.de/topic.php?id=2508&goto=34346). Dem Anschein nach hat dies die Funktion, mit solcher Panikmache bei der Politik Finanzmittel f√ľr Forschung einzusammeln, die dann in Forschungsprojekte mit dem Ziel gesteckt werden, Autisten z.B. durch gezielte Abtreibungen zu beseitigen. Solche Forschung zu Autismus stellt bis heute die Schwerpunktsetzung der Autismusforschung dar. Forschung ohne diesen Beseitigungsansatz ist kaum zu finden, was zu entsprechenden Ergebnissen und einem Teufelskreis f√ľhrt.
    Weil kaum nichtpathologisierende Forschung zu Autismus stattfindet, finden Ans√§tze √ľber die Medizin breite Anwendung, obwohl das eigentliche Problem in gesellschaftlicher Diskriminierung einer Minderheit liegt. Durch diese ungeeigneten Probleml√∂sungsans√§tze, die meist im Vorfeld auf bestimmte vermeintliche Ursachen fixiert sind und demnach im Grunde nicht wissenschaftlich sauber agieren, entstehen dann zus√§tzliche Probleme, die weitere Folgekosten f√ľr die Gesellschaft bedeuten, etwa durch Heimunterbringungen. Hierauf wiederum wird errechnet, welche Kosten Autismus die Gesellschaft koste, worauf irgendwelche mehr oder weniger horrenden Summen herauskommen. Wiederum wird jedoch aufgrund der Voreingenommenheit und der Einseitigkeit der Forschungsausrichtung nicht festgestellt, da√ü diese Kosten vermutlich zu nennenswerten Anteilen entstehen, weil Autisten in der Gesellschaft auf erhebliche Barrieren sto√üen. Wie diese Barrieren beseitigt werden k√∂nnen, ist jedoch bis heute praktisch gar nicht Gegenstand der Forschung. Weiter wird dann unter dem Eindruck der horrenden Kosten ein stillschweigender Konsens dar√ľber erzielt, da√ü man diese Bev√∂lkerungsgruppe besser ausrotten sollte - was von Anfang an die Ausrichtung dieser Forschung war. Wir werden also vielleicht schon in wenigen Jahren eugenische vorgeburtliche Massent√∂tungen an einer Minderheit erleben, die nur das Problem hat, durch eine nichtautistisch gepr√§gte Gesellschaft diskriminiert zu werden. Leider hat diese tats√§chliche Urs√§chlichkeit bisher auch noch keinen erkennbaren Eingang in ethische Debatten gefunden, die sich meist ebenfalls auf die oben genannten falschen Annahmen als vermeintliche Fakten st√ľtzen. Hier zeigt der Versuch der Etablierung einer eugenikkompatiblem Ethik in schockierender Weise einige seiner eklatanten und kapitalen Schw√§chen.
    Die Ansicht Autismus sei erworben, findet sich trotz gegenteiliger wissenschaftlicher Ergebnisse immer wieder. Eine Erkl√§rung daf√ľr k√∂nnte sein, da√ü es so nichtautistischen Eltern leichter f√§llt ihre Kinder als von Autismus ver√§ndert und versch√ľttet zu betrachten, statt sich damit auseinanderzusetzen, da√ü ihr Kind einfach anders ist und eigene an sich selbst als positiv erlebte und leichtfertig in dieser Weise objektivierte Veranlagungen schlichtweg nicht objektiv positiv sind. Vielen nichtautistischen Eltern f√§llt dies, wie auch andere Formen von Selbstkritik, sehr schwer, weswegen die unter 3.) erw√§hnten Elternverb√§nde auch stark zu solchen Verdr√§ngungsmechanismen neigen, die meist darauf hinauslaufen, da√ü den Autisten mehr oder weniger verschleiert s√§mliche "Schuld" f√ľr eigene Probleme zugeschrieben werden. Indem sich Eltern darin zu Lasten ihrer Kinder best√§rken, f√ľhlen sie sich offenbar pers√∂nlich besser. Inwieweit ein durchschnittlicher Nichtautist √ľberhaupt zu weitergehenden Reflexionen in der Lage ist, mu√ü f√ľr uns Autisten offen bleiben.
  7. Therapieziel Umerziehung, positive Darstellung fr√ľher Diagnosen
    Teils aus den USA kommend, breiteten sich auch hierzulande mit der zunehmenden Thematisierung von Autismus unter diesem an sich noch recht jungen Begriff einige "Therapie"ansätze aus, welche teils mit erstaunlichem Missionseifer vertreten werden. Erstaunlich zumindest, bis man die Preislisten der Protagonisten zu Gesicht bekommt.
    Es geht hier weniger um die Festhaltetherapie, die zwar bis heute Anwendung findet, auch wenn sie teils sogar von Sektenbeauftragten sehr kritisch kommentiert wird, aber dennoch grunds√§tzlich weiterhin von Krankenkassen bezahlt wird. Ein gr√∂√üeres Problem scheinen eher schwammige Ans√§tze wie ABA darzustellen, die in der Vergangenheit ebenfalls aus ethischen Gr√ľnden schwerer Kritik ausgesetzt waren und sich unter diesem Druck kosmetisch anpassten und offensichtlich mi√ühandelnde Praktiken gr√∂√ütenteils aufgaben; wobei es auch hier wie bei so vielen Lehren verschiedene Str√∂mungen gibt, auch solche, die die alten Methoden im Verborgenen anwenden und dann versuchen, den Eltern zu vermitteln, da√ü es nicht mit falscher Sentimentalit√§t betrachtet werden sollte, wenn das autistische Kind wegen der Behandlung stundenlang schreit und weint. Manche Eltern schauen sich das dann lieber gar nicht selbst an und vertrauen darauf, da√ü die Verhei√üung von "Verbesserungen" schon richtig sein werde.
    Aber was ist ein Erfolg? Hierbei sollte nicht vergessen werden, da√ü Autismus heute auch f√ľr die Wissenschaft noch eher unerkl√§rlich ist. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit zu bestimmen, wer eigentlich autistisch ist. Hierzu gibt es die Definition als Syndrom. Verschiedene beobachtbare Punkte werden summiert und gewichtet, um eine Diagnose zu stellen. Rein wissenschaftlich stellen diese Punkte f√ľr manche Ans√§tze Autismus dar. Wenn diese Punkte also nicht mehr feststellbar sind, wird dies als Erfolg verbucht. Dieses Verst√§ndnis von Autismus ist jedoch in seiner Oberfl√§chlichkeit bei ernsthafterer Betrachtung ziemlich haltlos. Nur weil man Indizien beseitigt √§ndert sich der eigentliche Sachverhalt nicht unbedingt.
    ABA z.B. ist an sich eine Sammlung von Dressurmethoden. Es geht um die Frage, wie man bestehende eigene Vorstellungen vom Verhalten des autistischen Kindes möglichst weitgehend dem Kind antrainiert.
    Nehmen wir einmal an, eine Person hat einen Splitter im Fu√ü und hat Schmerzen beim Auftreten. Normalerweise w√ľrde man vermutlich bei jedem Arzt eine korrekte Ursachenfeststellung erhalten. Autisten jedoch sind in einigen sehr grunds√§tzlichen Punkten v√∂llig anders als andere Menschen. Aufgrund dieser Andersartigkeit gibt es immer wieder Mi√üverst√§ndnisse, die vor allem den jeweiligen Autisten schwer belasten. Empathie ist die √úbertragung des eigenen Innenlebens auf Mitmenschen. Deswegen haben Autisten eine andere Empathie. Keine schlechtere, einfach eine, die weniger hilfreich ist in einer Welt, welche weitgehend mit Menschen bev√∂lkert ist, die anders sind. Es gibt nicht viele autistische √Ąrzte und die Meisten davon verstecken ihre dadurch bestehende Qualifikation aus Angst vor Diskriminierungen. Autisten werden also fast ausschliesslich von √Ąrzten behandelt, die bestenfalls rational versuchen k√∂nnen ansatzweise nachzuvollziehen, wie Autisten sich in Situationen f√ľhlen. Viele Ausdrucksformen und Verhaltensweisen, die an sich v√∂llig verst√§ndlich sind, werden so als im Prinzip unverst√§ndlich und mehr oder weniger grundlos eingestuft. Autisten sind eben so. Um aufs Beispiel zur√ľckzukommen: Der Arzt verschreibt eine Therapie, die trainieren soll, den Fu√ü "richtig" aufzusetzen, statt die tats√§chliche Ursache auszumachen und zu beseitigen - den Splitter im Fu√ü. Es mag sein, da√ü so eine Therapie dann sogar unter gr√∂√üeren M√ľhen erreicht, da√ü die betreffende Person selbst zu glauben beginnt, ihr Schmerz sei ein veranlagungsgem√§√ües Defizit und durch Training und Disziplin im Alltag zu beseitigen. Vielleicht resigniert die Person auch einfach und f√ľgt sich in ihr Schicksal der Therapien, weil sie massiv dazu gen√∂tigt wird.
    ABA macht dasselbe. ABA ist offensichtlich keine allgemeine Erziehungsmethode, sondern speziell f√ľr "seltsame" Menschen. ABA kann vielleicht Erfolge aufweisen, wobei nach unserer Kenntnis nicht einmal das bisher wissenschaftlich klar erwiesen ist. Aber was sind das f√ľr Erfolge? Im Grunde ist es die nackte Ratlosigkeit und der Drang dennoch etwas zu tun, auch wenn man nicht versteht, was man da eigentlich tut.
    Es ist f√ľr jeden Menschen wichtig, seine Intuition leben zu k√∂nnen. Sie ist der Zugang zu seinen St√§rken. Ja, man kann aus einem Sportwagen irgendwie einen Traktor bauen. Aber warum sollte man soetwas tun? Der so entstehende Traktor w√§re wohl nie so gut, wie "so geborene" Traktoren. Daher ist immer die Frage, was eine Therapie erreichen will, ob diese Ziele wirklich sinnvoll sind. F√ľr Wissenschaftler oder hauptberufliche Therapeuten mag es einen Erfolg darstellen, Punkte in einem Kriterienkatalog abzuhaken. Etwa den speziellen f√ľr Nichtautisten auf befremdliche Weise als wichtig erscheinenden "Blickkontakt". Aber geht es nicht um einen Menschen? Sollte der nicht besser in seinen St√§rken gef√∂rdert werden, statt ihn einem willk√ľrlich kulturell durchsetzten und somit sehr fragw√ľrdigem Idealbild des perfekten Menschen irgendwelcher Technokraten anzugleichen und ihn nebenbei zu brechen, dazu zu erziehen nicht mehr auf eigene Empfindungen zu achten, dadurch letztlich eher ein stumpfer Schattenmensch zu werden? Daf√ľr ist es auch nicht entscheidend, ob heute auch "Spa√ü" als Konzept verfolgt wird. Was nutzt es, wenn jemand zu Blickkontakt nach Art durchschnittlicher Nichtautisten dressiert wird und im Gegenzug schwer traumatisiert wird und somit weitgehend unf√§hig, sich in seiner Pers√∂nlichkeit zu entwickeln?
    Die ganze Tragweite solcher starr angewandter irrlichternder kultureller Normen zeigt sich z.B darin, da√ü seit Jahren Autisten eine weitgehend barrierefreie Beschulung verwehrt wird mit der Begr√ľndung, diese barrierearme Beschulung w√ľrde ihre Integration gef√§hrden, obwohl tats√§chlich das ganze Gegenteil der Fall ist, weil auf teilweise untragbaren und schwer gesundheitsgef√§hrdenden Rahmenbedingungen beh√∂rdlicherseits bestanden wird und so Bildungschancen aktiv in massiver Weise vereitelt werden.
    Zu fr√ľhen Diagnosen ist anzumerken, da√ü bis heute eine Diagnose eklatante Diskriminierungen erst begr√ľnden kann. Deswegen ist in jedem Einzelfall abzuw√§gen, ob √ľberhaupt eine Diagnose erfolgen sollte.