Achtung Achtung!

Die ESH hat nun eine neue eigene Plattform (abrufbar im Menü unter "Enthinderung"). Auf absehbare Zeit wird jene Plattform aktueller gestaltet sein als diese hier.

Was Inklusion ist und was nicht

Noch immer findet der Leitsatz der Behindertenbewegung "Nichts ĂŒber uns ohne uns" in Deutschland gerade in Bezug auf Autisten in der Praxis kaum Anwendung. Dieser Zustand ist in Zeiten der UN-Behindertenrechtskonvention (CRPD) und ihren Wertvorstellungen schlichtweg unhaltbar geworden. Intellektuell meist eher schlecht als recht gestaltete Manöver der in Frage gestellten Kreise ignorieren gerne diese Tatsachen und argumentieren unter anderem auch sinnverfĂ€lschend mit den neuen Wertbegriffen wie "Inklusion" fĂŒr ihre unhaltbaren und ethisch nicht mehr tragbaren AnsĂ€tze und versuchen so deren tatsĂ€chliche Bedeutung gegenĂŒber der breiten Öffentlichkeit zu verschleiern.

Dieser Text versteht sich als ErgÀnzung, BekrÀftigung und Konkretisierung der auf dieser Site bereits zu diesen Themen zu findenden Darstellungen. Er will nicht erneut Dinge umfassend anschaulich machen, die bereits anderswo erlÀutert wurden.

Was bedeutet Inklusion nun also eigentlich? Die CRPD baut fundamental auf der Erkenntnis auf, daß Behinderung keine Personeneigenschaft, sondern ein sozialer Vorgang ist. Dies bedeutet, daß aus Menschenrechtssicht erkannt wurde, daß die Gesellschaft diskriminierende Barrieren beseitigen muß. Die Erkenntnis des sozialen Behinderungsmodells geht mit der Erkenntnis einher, daß es falsch war Menschen der Gesellschaft anpassen zu wollen und es richtig ist Menschen in ihrer Natur anzuerkennen und mit ihrer Natur in die Gesellschaft zu inkludieren.

Dennoch ist gerade vielen Angehörigen von Autisten bisher offenbar noch nicht einmal ansatzweise klargeworden, was das fĂŒr den Umgang mit Autisten praktisch bedeutet. Aber was soll man auch von Elterngruppen erwarten, die mitunter ganz offensichtlich massive Probleme haben selbst grundlegende Aussagen dieser Internetsite zu erfassen:

Elaborat einer Elterngruppe wrote:
Inzwischen gibt es eine neue Bewegung unter Menschen im Autismus-Spektrum, insbesondere
Asperger Autismus, die sich zusammen geschlossen haben, um gegen Stigmatisierung und
Ausgrenzung zu kĂ€mpfen (s. www.auties.net). Sie möchten nicht als “behindert” bezeichnet
werden
und lehnen jegliche Form von Bevormundung ab.

Andere behinderte Bevölkerungsgruppen wie Gehörlose haben bereits einen langen im Grunde sehr Ă€hnlichen Kampf gegen UmerziehungsgelĂŒste (siehe "MailĂ€nder Kongress") hinter sich, die u.a. auch von Eltern voller "FĂŒrsorge" und "Liebe" vertreten wurden und dennoch systematisch verstanden vor allem elterlicher Eitel- und Bequemlichkeit schmeicheln (z.B. mein Kind soll so sein wie ich, dann wird es glĂŒcklich). Sicherlich fĂ€llt ein Gehörloser weniger auf, wenn er sich akustisch gut artikulieren und von den Lippen ablesen kann. Dennoch wird dieser "Lösungsansatz" heute zu Recht als verwerflich betrachtet. Inklusion bedeutet Gehörlose mitsamt ihrer veranlagten Natur und Kultur in die Gesellschaft aufzunehmen, sie nicht dominieren und fremdgestalten zu wollen. Inklusion will Verschiedenheit auf gleichwertiger Ebene annehmen. Der Mechanismus die Folgen von Diskriminierung (z.B. Gehörlose erhalten kaum gleichwertige Erwerbsarbeit) mit noch weitergehender Diskriminierung (z.B. Umerziehung gegen die innere Natur) "heilen" zu wollen ist hinlĂ€nglich erkannt und fĂŒr valide Argumentationen untauglich geworden. Dennoch kann man weiter von Elternseite lesen (wohlgemerkt in einem Text, der bereits aus beschönigender Verteidigungshaltung entstanden ist):

wie oben wrote:
Wenn wir ihm beibringen, seine WĂŒnsche mit
Worten, Gesten oder Bildern zu artikulieren, wird er schneller und hÀufiger erfolgreich sein und
das wird ihn weiter motivieren, mit uns zu kommunizieren. Dass wir dafĂŒr LieblingsgegenstĂ€nde
oder auch essbare VerstĂ€rker außer Reichweite unseres Kindes tun, ist deshalb keine
Schikane, sondern dient dazu, unserem Kind mehr Möglichkeiten anzubieten, seine
kommunikativen FĂ€higkeiten zu trainieren und auszubauen. WĂ€hrend nicht-autistische Kinder
stÀndig nach Dingen fragen, die sie haben möchten, ohne dass man das speziell mit ihnen
ĂŒben mĂŒsste, muss man Kinder im Autismus-Spektrum hĂ€ufiger dazu ermuntern, dies zu tun.
Sie mĂŒssen hĂ€ufiger die Erfahrung machen, dass Kommunikation notwendig ist, damit die
eigenen BedĂŒrfnisse befriedigt werden können. Wie schrecklich und frustrierend muss es sein,
wenn man nie gelernt hat, seine BedĂŒrfnisse zu Ă€ußern, sondern darauf angewiesen ist, dass
andere Menschen sie “erraten”. Dies wollen wir unserem Sohn weitest möglich ersparen!

Glaubt man dieser Schilderung wĂŒrden Autisten auch unabhĂ€ngig von chronischer Überlastung durch vermeidbar ungeeignete Lebensbedingungen in besonderem Ausmaß extreme Handlungen vollfĂŒhren. Solches entspricht nicht unserer Erfahrung und muß somit als falsch betrachtet werden. Sicherlich gibt es extreme Handlungen unter autistischen Kindern, sie sind jedoch zum einen eindeutig Ausnahmen und keineswegs die Regel oder gar Teil der autistischen Veranlagung und zum anderen eben durchaus Folgen widriger UmstĂ€nde, die sich wie auf dieser Site schon mehrfach ausgefĂŒhrt auch nicht Ă€ndern, indem man den Kindern abdressiert (das was oben im Zitat beschrieben wird kann nicht anders bezeichnet werden) ihren Schmerz auszudrĂŒcken. Diese Verhaltensweisen zeigen Menschen, wenn sie unter traumatischen Bedingungen leben mĂŒssen, von praktisch niemanden verstanden oder im inneren Wesen angenommen werden, etc. NatĂŒrlich ist es ebenso falsch anzunehmen Autisten wĂŒrden von sich aus keine Kommunikation wĂŒnschen und suchen. Tut ein Autist dies nicht von sich aus, so hat das GrĂŒnde, die man finden sollte statt einfach die Symptome wegwischen zu wollen - egal mit welchen Methoden. Wenn jemand vor Schmerz schreit, dann muß man die Ursache des Schmerzes finden!

Dies alles waren nie Schuldzuweisungen an die Eltern wie zur Zeit der KĂŒhlschrankmutterannahme. Nichtautisten tun sich schwer das Wesen von Autisten völlig zu erfassen und typische eigene UnzulĂ€nglichkeiten wie Defizite in der Sprachgenauigkeit abzulegen. Diese Konstellationen sind schlichtweg von Verschiedenartigkeit geprĂ€gt, mit denen beide Seiten umgehen mĂŒssen. In der Praxis lĂ€uft es leider meist darauf hinaus, daß die in der schwĂ€cheren Position befindlichen Kindern möglichst weit dahin verbogen werden sollen, wohin die nichtautistischen Eltern sie gerne hĂ€tten. Durch diese Vorgehensweise entsteht oft erst die geschilderten heftigen Verhaltensweise, die aber nicht als Folge falscher elterlicher Strategien erkannt wird, sondern im Gegenteil noch als BestĂ€tigung fehlgedeutet wird. Hier geht es also nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum die tatsĂ€chlichen ZusammenhĂ€nge aufzuzeigen.

Autisten sind entgegen landlĂ€ufiger Klischees sehr empfindsam und erkennen meist sehr gut was mit Nichtautisten in ihrem Umfeld los ist. Wenn von autistischer Seite keine Kommunikation zustande kommt kann es z.B. einfach daran liegen, daß das autistische Kind deutlich spĂŒrt, daß ein Elter gegenĂŒber ihm eine sehr schĂ€dliche Einstellung hat und nicht offen fĂŒr eine Begegnung auf Augenhöhe ist. Einstellungen wie beispielsweise diese schönfĂ€rberische Lobeshymne auf die eigene gewalttĂ€tige geisterstickende Ignoranz:

Zitat:
Man kann das Kind nicht aus dem Autismus zwingen, sondern man kann es nur aus dem Autismus locken.

In diesem Sinne sei nocheinmal betont: Die Übernahme jeglicher ABA/VB-Kosten im Rahmen z.B. der Eingliederungshilfe ist ein Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention und muß unterbunden werden. Ratsuchende Eltern können sich gerne weiterhin an unser Forum wenden, nachdem sie sich vergewissert haben, daß sie bereit sind sich dort nicht wie wild umherpöbelnde Kolonialherren aufzufĂŒhren: http://autismus.ra.unen.de

Stellen wir eine brauchbare weltanschauliche Einstellung auf Elternseite fest (ohne solche ist jede MĂŒhe sowieso umsonst), kommen wir auch gerne zur vertiefenden Situationsanalyse ins Haus, sofern es sich einrichten lĂ€ĂŸt.