Achtung Achtung!

Die ESH hat nun eine neue eigene Plattform (abrufbar im Menü unter "Enthinderung"). Auf absehbare Zeit wird jene Plattform aktueller gestaltet sein als diese hier.

Behindern wir uns nicht alle gegenseitig?

Nehmen wir an, ein Autist begegnet einem Nichtautisten. Der Nichtautist erwartet die von ihm gewohnte m├╝ndliche Kommunikation und st├Ąndige K├Ârperber├╝hrungen dabei. Der Autist w├╝nscht sich die Trennung von gemeinsamer k├Ârperlicher Aktivit├Ąt und fernschriftlicher Kommunikation. Sobald der eine seine Vorstellung einseitig durchsetzen will, strebt er danach den anderen zu behindern.

Das sollte doch jedem einleuchten? Nicht? Richtig, diese Darstellung ist falsch zuungunsten tats├Ąchlich Behinderter.

Immer wieder versuchen vornehmlich Nichtautisten vom hochrangigen "Behindertenaktivisten" bis hin zum Angeh├Ârigen den Behinderungsbegriff abseits eindeutig gesellschaftlich relevanter Institutionen wie Beh├Ârden, etc. zu ihren Gunsten umzudeuten. Das l├Ąuft meist im Grunde darauf hinaus den Behinderungsbegriff ohne seine gesellschaftliche Komponente rein auf die Beziehung zweier Subjekte zu beziehen. Dabei ist der Behinderungsbegriff mit guten Gr├╝nden nur Minderheiten vorbehalten, die durch gesellschaftliche Behinderungen von gesellschaftlicher Teilhabe ausgegrenzt werden, direkt (durch Barrieren) oder indirekt (durch "ill-treatment", also eine Behandlung durch die Gesellschaft, die den Behinderten krank macht und auf diesem Weg Teilhabe behindert oder gar verhindert).

Diese gesellschaftliche Teilhabe besteht nicht im Umgang mit Familie M├╝ller, sondern generell im Umgang mit Mitmenschen aus der Mehrheit und allen ihren funktionalen Segmenten (also nicht nur mit "Arbeitern", sondern auch mit "Akademikern"). Gesellschaftliche Teilhabe bezieht sich nicht auf jedes einzelne Glied der Gesellschaft direkt und konkret, sondern auf eine Anzahl von Gliedern. Wer als Teil einer gro├čen Masse agiert, hat mehr Verantwortung. Und sofern viele einzeln Handelnde in einer Gesellschaft solche Diskriminierungen leben, mu├č der Staat eingreifen, da ein strukturelles gesellschaftliches Ungleichgewicht besteht, das eine Minderheit in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe erheblich benachteiligt.

Wenn manch einer auch in diesem Zusammenhang eine "Diktatur der Minderheiten" beklagt, kommt nicht nur die Verunsicherung der Mehrheit ├╝ber die vielen Punkte an denen heutzutage Diskriminierungen bek├Ąmpft werden und gewohnte Abl├Ąufe in Frage stellen zum Ausdruck. Der Reflex einer Mehrheit, zu der in vielen inhaltlichen Punkten auch Vertreter der Minderheiten z├Ąhlen, die selbst in anderen Punkten eigene Diskriminierungen erkennen. Es fehlt oft auch ein Verst├Ąndnis f├╝r den Wert der Gleichberechtigung von Minderheiten anstatt einem plumpen Faustrecht der Mehrheit, zumal so gut wie jeder Mensch mehreren Minderheiten zugeh├Ârig ist.

Auch wenn die Herausbildung eines von der falschen medizinischen Herangehensweise grundlegend unabh├Ąngigen Behinderungsbegriffs noch auf sich warten l├Ą├čt, kann man neben der Minderheitenrolle bereits weitere Voraussetzungen f├╝r das Vorliegen einer gesellschaftlichen Behinderung eines Individuums benennen. Dies ist das Kriterium der Dauerhaftigkeit (in Deutschland gesetzlich auf 6 Monate definiert). Dies ist vor allem noch das Kriterium der Unfreiwilligkeit. Manchen Gruppen treten wir aufgrund unserer Entscheidungen bei. F├╝r behinderte Bev├Âlkerungsgruppen trifft das nicht zu. Wenn jemand z.B. im Ausland die Landessprache nicht beherrscht, so wird er zwar gesellschaftlich ausgegrenzt, ist aber nach ├╝blichen Verst├Ąndnis nicht behindert, denn er kann sich im Prinzip jederzeit weiterbilden.

Wenn ein Nichtautist also gerne m├╝ndlich kommuniziert und sich unwohl f├╝hlt, wenn er den Gespr├Ąchspartner nicht st├Ąndig antatschen darf, dann wird er durch Grenzziehung eines Autisten dagegen nicht selbst behindert. Denn in dieser Welt ist er nicht nur ein einzelnes Subjekt, sondern Teil einer ├Ąhnlich veranlagten Mehrheit und daher verpflichtet zu R├╝cksichtnahme auf den Vertreter der Minderheit, also in diesem Beispiel den Autisten. Denn es geht nicht nur um den Kontakt zwischen zwei Menschen, sondern um den Umstand, da├č viele Nichtautisten als Gruppe barrierefreien Kontakt zu Autisten abblocken und so Autisten gesellschaftlich ausgrenzen. W├Ąren es nur 5% der Nichtautisten, die so handeln w├╝rden, w├Ąre der Einzelfall keine Behinderung. Da aber 90% der Nichtautisten mehr oder weniger schwerwiegend so handeln ist dieses Verhalten kein reines Verhalten einer Einzelperson mehr, sondern Teil gesellschaftlicher Diskriminierung, die ein Unrecht darstellt.