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Autismustherapien und Wissenschaft

Noch bis heute meint manch einer, wenn Autisten sich gegen Therapien aufgrund autistischer Eigenschaften wenden, dann w├╝rden sie sich wissenschaftlichen Erkenntnissen widersetzen. Diese Haltung zeugt jedoch vor allem von thematischer Unkenntnis.

Autismus wird bis heute offiziell von ├ärzten f├Ąlschlich als Krankheit diagnostiziert. Um eine Autismusdiagnose zu erhalten werden Beobachtungen angestellt und Abweichungen geschildert. Aber Abweichungen, die einem Arzt geschildert werden deutet dieser berufsbedingt als unerw├╝nscht. Das ist scheinbar vielen nicht klar, die nachher daran zweifeln, ob denn nach der Diagnose durch den Arzt empfohlene Therapien als ganz nat├╝rliche Angelegenheit betrachten. So l├Ąuft das ja beim Arzt.

Wie erh├Ąlt man eine Autismusdiagnose? Man schildert bei einem Arzt (der berufsbedingt f├╝r die Beseitigung von Krankheiten zust├Ąndig ist) einen Sachverhalt, Symptome eines Komplexes der heute f├Ąlschlich offiziell noch als Krankheit eingestuft wird, wie vor einigen Jahrzehnten auch noch Homosexualit├Ąt. Damit wird dem Arzt auch (vielleicht ungewollt) mitgeteilt: das ist unerw├╝nscht.

Der Arzt verweist dann auf "Therapien", weil das die Fortsetzung dieser Denklinie ist. Diese Therapien bewirken dann die Änderung irgendwelcher Details, was manchmal auch in brauchbarer Weise wissenschaftlich belegt wurde (und manchmal noch nicht einmal das).

Diese Details sind aber eben nur Details. Es wird oft in v├Âllig unzureichender Weise darauf geachtet, welche Sch├Ąden parallel zu diesen Ma├čnahmen auftreten. Das ist wie bei Arzneien. Man hat z.B. wissenschaftlich bewiesen, da├č eine Arznei Durchfall stoppt. Also gilt die Wirksamkeit als belegt. Bei Arzneien wird dann noch nach den ├╝blichen Standards getestet, ob irgendwelche offensichtlichen "Nebenwirkungen" stattfinden. Trotz diesen Standardtests sch├Ątzt man z.B. Folgendes:

Zitat:
In den USA geht man von 2 000 000 schweren Arzneimittelnebenwirkungen pro Jahr aus, 44 000 - 100 000 Tote durch Nebenwirkungen, mehr als durch Lungenerkrankungen, AIDS, Diabetes, und Unf├Ąlle. 6,7% aller Krankenhauspatienten haben gravierende Arzneimittelnebenwirkungen, 0,32% sterben nach manchen Statistiken daran. 136 Milliarden Dollar sollen die Nebenwirkugen j├Ąhrlich kosten. Etwa 3-6% aller Nebenwirkungen kommen durch Wechselwirkungen zustande. Wechselwirkungen sind nicht nur als Vergiftungen bedeutsam, oft vermindert auch ein Medikament die Wirkung eines anderen Medikamentes mit bedrohlichen Folgen. Die Statistiken sind allerdings nur wenig fundiert und die Daten sind widerspr├╝chlich. Dennoch Arzneimittel gelten laut der amerikanischen FDA als 4. h├Ąufigste Todesursache in den USA.

Quelle

Bei nichtstofflichen "Therapien" gibt es noch nicht einmal Standardtests in der Art wie bei Arzneien.

Ein abstraktes Beispiel zur Veranschaulichung:

Ein Kind hat beide H├Ąnde voller Splitter, weswegen Ber├╝hrungen damit f├╝r ihn ├╝ber lange Zeit schmerzhaft sind. Die Eltern erkennen das nicht und gehen mit dem Kind zu einem Arzt. Der Arzt erkennt die Splitter ebenfalls nicht und verordnet eine Therapie. In der Therapie lernt das Kind unter gro├čen Schmerzen Dinge halbwegs so anzufassen, wie es f├╝r den Betrachter "normal" aussieht.

Das Therapieziel lautete: >Herstellung des Eindrucks Dinge w├╝rden nun "normal" angefasst.<
In Studien wird wissenschaftlich erwiesen, da├č in solchen F├Ąllen die Therapie gen├╝gend oft diesen Effekt nach sich zieht, um als wirksam betrachtet zu werden.

Was dabei aber gar nicht ber├╝cksichtigt wird, sind Auswirkungen dieser Therapie au├čerhalb des Details, das betrachtet wurde, welche nicht v├Âllig offensichtlich sind.

Wenn das Beispielkind im Zuge einer solchen Therapie jedoch dauerhaft depressiv wird oder die Abheilung der Splitterwunden durch solche Dressur nach Gutd├╝nken anderer Personen umso mehr chronisch verschleppt wird, dann gilt die Therapie f├╝r sich dennoch als wissenschaftlich in ihrer Wirkung belegt, weil diese anderen Details nicht automatisch ber├╝cksichtigt wurden bei der wissenschaftlichen Einordnung.

Deswegen kommt es immer wieder vor, da├č Therapien abgeschafft werden, weil irgendjemand mal Auswirkungen untersucht hatte, die dann nicht g├╝nstig ausfielen. Bevor jemand solche wissenschaftlichen Untersuchungen anstellt geht die Wissenschaft jedoch davon aus, da├č es keine Probleme gibt.

Da Autisten sich grundlegend von anderen Menschen unterscheiden, werden sie sehr h├Ąufig von Nichtautisten v├Âllig falsch eingesch├Ątzt. Das erschwert die wissenschaftliche Erschlie├čung m├Âglicher Problemfelder von heute noch offiziell bef├╝rworteten Therapien aufgrund von Autismus. Wie sollten nichtautistische Psychologen erforschen, wie sich der Zustand eines Autisten im Zuge der Anwendung solcher Methoden ├Ąndert, wenn sie Autisten grunds├Ątzlich kaum verstehen?

Die Faktoren, die den Zustand von Autisten erheblich beeinflussen k├Ânnen sind sehr komplex. Ein Behandlungserfolg nach wissenschaftlichen Kriterien kann besonders unter solchen Rahmenbedingungen tats├Ąchlich insgesamt zu einer Verschlimmerung des Gesamtzustands f├╝hren, eben weil die Wissenschaft als Erkenntnismethode gerade mit komplexen Systemen wie dem Leben in Grunde hoffnungslos ├╝berfordert ist. Etwa bez├╝glich der Allmachtsphantasien mancher Gentechniker hat sich inzwischen gezeigt, da├č es ganz gut war, da├č sich deren Vorschl├Ąge vor einigen Jahren nicht durchsetzen lie├čen, z.B. die Vorstellung ein Gro├čteil des menschlichen Genoms sei bedeutungsloser "Genm├╝ll". Ein weiteres klassisches Beispiel ist die Atomeuphorie der 50er Jahre, in der Wissenschaftler voraussagten, da├č in einigen Jahrzehnten Autos mit Kernspaltung betrieben w├╝rden.

Den "Gesamtzustand" auszumachen ist ├╝berdies eine immer mehr oder weniger willk├╝rliche Fremdbewertung von Teilen des Gesamtzustands als wichtiger und weniger wichtig voraussetzt. Wenn eine Gewichtung durch Nichtautisten vorgenommen wird, so stellt das zudem noch eine Fremdbestimmung ├╝ber sie als v├Âllig anders veranlagte Personen dar, die sich in einer Minderheitenrolle befinden. Das spiegelt sich auch in Bewertungen durch Wissenschaftlern wider. Jedoch sind diese Bewertungen selbst eben gerade nicht wissenschaftlich, sondern kulturelle ├ťberzeugungen, die sich weitgehend den wissenschaftlichen Kategorien entziehen.

Wer also argumentiert, da├č Therapieerfolge doch wissenschaftlich erwiesen seien und Autisten, die sich gegen Therapien aufgrund Autismus wenden, sich damit quasi gegen die Wissenschaft selbst auflehnen w├╝rden, liegt falsch und sollte sich vielleicht auch etwas eingehender mit Wissenschaftstheorie befassen.

(Siehe auch Flugblatt 7)