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Barrieren f├╝r Autisten bei Gremienarbeit

Autisten k├Ânnen in der Regel von zuhause aus schreiben, was sie zu einer Sache denken, also k├Ânnte man meinen, es g├Ąbe keine gro├čen Probleme bei der Mitarbeit von Autisten in Gremien und dergleichen. Leider hat sich dies aus der bisherigen Erfahrung als v├Âllig falsch erwiesen, denn selbst im Rahmen allgemeiner Aktivit├Ąten der Interessenvertretung Behinderter scheint die Ausgrenzung noch weitgehender zu sein als die von Geh├Ârlosen, die eine Sprache mit v├Âllig anderer Struktur sprechen, aber zumindest teilweise Dolmetscher gestellt bekommen. Und das trotz des theoretischen Anspruchs "Nichts ├╝ber uns ohne uns" in diesen Kreisen, sofern man mal von der Selbstverst├Ąndlichkeit ausgeht, da├č dieses "uns" sicherlich nicht bedeuten kann, da├č Rollstuhlfahrer die Interessen von Autisten vertreten, weil beide durch die Gesellschaft behindert werden. Die seri├Âse Interessenvertretung Behinderter ist zur Multikulturalit├Ąt verdammt, auch wenn es mit der gegenseitigen Solidarit├Ąt offensichtlich in weiten Teilen, leider auch von Seiten mancher Geh├Ârlosenvertreter, nicht sonderlich weit her ist.

Es folgt der Versuch einer ersten grundlegenden Systematisierung im Bewu├čtsein, da├č noch viele L├╝cken offenbleiben.

1.) Viele ├Ąltere Nichtautisten empfinden Lesen und Schreiben generell als Last.

Viele Personen in verantwortlichen Positionen entstammen heute noch Generationen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind. Sie sind es oft nicht gewohnt so zu kommunizieren, sie sind nicht darin ge├╝bt schnell zu tippen. Laut Sch├Ątzungen kann 1/5 der deutschen Bev├Âlkerung nicht gut lesen und schreiben, aber in Gremien d├╝rfte die Quote wesentlich niedriger liegen. Vielleicht bestehen Assoziationen zu Situationen von Lerndruck, in denen sie "B├╝cher w├Ąlzen" "mu├čten" oder auch zu den Rechnungen in der Post und Widerspruchsschreiben, mit denen man sich gegen Unrecht verteidigt. Es scheint eine Tendenz dazu zu bestehen schriftliche ├äu├čerungen als aggressiv wahrzunehmen (oder interpretieren NA beim Ausbleiben k├Ârperlicher Signale zu einem Inhalt ihre eigene Mentalit├Ąt oder situative Einstellung in die so empfundene Bedeutungsl├╝cke?). Weiter wird in Folge mangelnder Sensibilisierung gerne ignoriert welchem Schriftumfang m├╝ndliche Rede entspr├Ąche, was dann dazu f├╝hrt, da├č man generell Autisten dazu dr├Ąngt sich weniger ausf├╝hrlich zu ├Ąu├čern als andere Gremienmitglieder es tun. Dann wird Autisten unterstellt sich "endlos" zu ├Ąu├čern, obwohl der tats├Ąchliche Umfang noch deutlich unter dem liegt, den andere beitrugen, der aber nicht aufgeschrieben und somit im Umfang zweifellos sichtbar wurde. Dabei seien mal Sondergruppen wie Blinde au├čen vor gelassen. Wenn man will, finden sich hier immer L├Âsungen zusammenzukommen und sei es durch einen "Dolmetscher", der Schrift in m├╝ndliche Sprache "├╝bersetzt". Wobei sich durchaus die Frage stellt, wer die Kosten f├╝r eine solche kulturelle Diskriminierung eigentlich tragen soll. An sich sollte es wohl derjenige sein, der zu bequem ist sofern n├Âtig auch fernschriftlich zu kommunizieren, besonders wenn es in Gremienarbeit ohnehin darum geht Positionspapiere zu erstellen. Denn Blinde haben mitunter eine ansehnliche Lese- und Schreibgeschwindigkeit in Bezug auf elektronische Texte. Es besteht ein riesiger Unterschied zwischen "nicht m├Âgen" und "nicht k├Ânnen". In teils r├╝hrenden Selbstdemontagen haben bereits wiederholt "etablierte" Akteure in Behinderungszusammenh├Ąngen mit der eigenen Barrierefreiheit gegen die gleichberechtigte fernschriftliche Teilhabe von Autisten argumentiert, obwohl keine behinderungsrelevanten Zusammenh├Ąnge erkennbar wurden, die sie pers├Ânlich laut ihrer Selbstbeschreibung von so gestalteter Kommunikation abhalten. Z.B. kann sich ein gemeiner Rollstuhlfahrer schwerlich in Kommunikationszusammenh├Ąngen auf sein Behindertwerden berufen. Und dar├╝ber hinaus gilt sowieso: Behindertenpolitische Funktion├Ąre sind in Deutschland noch immer mehrheitlich nicht selbst Mitglied behinderter Bev├Âlkerungsgruppen. Es ist ein ganz besonderes R├Ątsel wie Personen mit solchen Einstellungen ├╝berhaupt soetwas wie seri├Âse Behindertenpolitik betreiben wollen.

2.) Unterschiedliche Zeitstrukturen (Wie sind gemeinsame Diskussionen anders als rein fernschriftlich barrierefrei m├Âglich?)

Kommunikation im Rahmen autistischer Kultur verl├Ąuft in anderen Strukturen, die an sich nicht durchschnittlich nichtautistischer Veranlagung zuwiderlaufen scheinen. Es bestehen aber starke Gewohnheiten auf nichtautistischer Seite sich vor Ort zu treffen und eine Tagesordnung abzuarbeiten, z.B.: a) Vorstellung Tagesordnungspunkt; b) Diskussion; c) Abstimmung/Beschlu├č - und darauf den n├Ąchsten Tagesordnungepunkt wieder in der Form a); b); c). Dies geschieht mitunter so schnell, da├č Autisten dem gar nicht folgen k├Ânnen, sei es ├╝ber Livestream oder Live-Wortprotokoll. Wenn in einer Diskussion neue noch nicht bedachte Aspekte auftauchen k├Ânnen Autisten das nicht unbedingt in einer Veranstaltungssituation gedanklich analysieren. Daf├╝r bedarf es einer ruhigen, freien Situation in vertrauter sicherer Umgebung, in der man nicht nebenbei noch reagieren mu├č, wenn man m├Âglichst nichts verpassen will. Dadurch ergibt sich hinsichtlich der Barrierefreiheit f├╝r Autisten die unbedingte Erforderlichkeit zeitentzerrter Abl├Ąufe.

So sollten alle zu kl├Ąrenden Punkte gleichzeitig ├╝ber mindestens eine Woche schriftlich diskutiert werden. Mehr Bedenkzeit wird einer Sache sicherlich auch nicht schaden, weswegen diesbez├╝glich eigentlich auch nichts entgegenstehen sollte. Zudem wird ja noch oft behauptet NA w├╝rden besser Multitasking praktizieren k├Ânnen als Autisten, sollte es da f├╝r durchschnittliche NA zum existenziellen Problem werden mehrere Fragen parallel zu er├Ârtern? Dabei mu├č gew├Ąhrleistet sein, da├č diese Kommunikation auch gleichberechtigt genutzt wird, statt solches vielleicht pro forma zuzugestehen, wobei die NA dies dann nicht nutzen und einfach weiterhin ohne den Autisten diskutieren. Gleichberechtigte Diskussionen vor Abstimmungen, zug├Ąngliche Information und gemeinsames Abw├Ągen von Argumenten ist eine elementare Voraussetzung aller demokratischen Abl├Ąufe, gerade solcher in Gremien von weniger als zw├Âlf Mitgliedern. Es kann nicht hingenommen werden, wenn hierbei keine weitgehende Barrierefreiheit geschaffen wird (in der Realit├Ąt wird sie bisher meist nichteinmal ausreichend gew├Ąhrleistet).

3.) Schreiben und zuh├Âren/lesen zugleich

Autisten k├Ânnen oft entweder nur zuh├Âren oder ├╝ber das Geh├Ârte nachdenken, beziehungsweise eine Antwort verfassen. Auch deswegen ist in Situationen eines zeitlich begrenzten Treffens letztlich fast immer dieses Kriterium nicht erf├╝llt. Viele Akteure gefallen sich darin viele Posten auf sich zu vereinen und dr├Ąngen dann auf schnellschnell und meinen m├Âglicherweise moralisch auch dazu im Recht zu sein, da sie ja nach eigener Auffassung "die Guten" sind. Das hat bei laufenden Diskussionen unter den Teilnehmern des Vor-Ort-Treffens die Folge, da├č autist sich entscheiden m├╝├čte, ob er weiter zuh├Âren oder etwas eintippen will.

4.) Technische St├Ârungen von Livestream├╝bertragungen

Bisher gibt es trotz Versuchen mit geeignet scheinenden Stellen einen solchen zu schaffen keinen technischen Standard f├╝r solchen Zugang. Das hat zur Folge, da├č jeder Veranstalter selbst etwas bastelt, wobei dann mehr oder weniger umfassende Probleme auftreten. Teilweise wurden ├ťbertragungen erlebt bei denen mehr als 50% der Redezeit f├╝r wohl f├╝r jedermensch schlichtweg wegen Komplettst├Ârung der Ton├╝bertragung unverst├Ąndlich gewesen w├Ąre.

5.) Klassische Diskriminierungen von Autisten durch Nichtautisten

Leider spielen auch solche ganz klassische Diskriminierungen in allgemeinen behindertenpolitischen Abl├Ąufen eine massive Rolle. Sachlich formulierte Aussagen werden als Angriff gedeutet, Nichtautisten schaffen es nicht sachlich zu argumentieren (auch wenn sie steif und fest das Gegenteil behaupten), etc. Fehlendes Wissen und fehlender Respekt erzeugen erheblich unangenehme Situationen. Allerdings ist auch festzustellen, da├č solche Diskriminierungen in der Behindertenszene ├╝berdurchschnittlich massiv vorkommen. Das mag damit zusammenh├Ąngen, da├č dort offenbar ├╝berdurchschnittlich viele Menschen aktiv sind die besonders stark dazu neigen vor allem auf emotionaler Ebene zu kommunizieren und zu interpretieren. Das bedeutet in der Praxis, da├č leider auch hier aus subkulturellen Gr├╝nden die charakteristisch f├╝r viele sozial engagierte Personen sind in eben diesen an sich sozial engagierten Kreisen Autisten menschlich gesehen auf besonders schwere Barrieren sto├čen.

Das f├╝hrt zu dem Umstand, da├č es offenbar f├╝r Autisten leichter ist z.B. mit Verwaltungen zu kommunizieren oder sich in der Piratenpartei zu engagieren (selbst ohne Bekanntgabe, da├č man autistisch sei! Sinnspruch: "Nicht jeder kann mit Technik umgehen" ist das neue "Nicht jeder ist mobil") als in behindertenpolitischen Zusammenh├Ąngen in denen wichtige Weichen auch f├╝r Autisten gestellt werden. Dieses Problem kennen Autisten bereits aus Behinderteneinrichtungen, deren Personal meist aufgrund solcher solzialer Selektionseffekte unterdurchschnittlich gut f├╝r den Umgang mit Autisten geeignet ist. Die allgemeine Behindertenbewegung ist an sich noch weit von nat├╝rlich gelebter gemeinsamer Solidarit├Ąt entfernt, so haben z.B. sogar bereits Vertreter von Geh├Ârlosenverb├Ąnden nicht nur keine Solidarit├Ąt gezeigt, sondern sogar nicht barrierefreie Zust├Ąnde f├╝r Autisten in der Tendenz auch wissentlich hingenommen, selbst wenn erkl├Ąrt wurde, da├č so Autisten nicht teilhaben k├Ânnen. Angesichts der doch relativ ├Ąhnlichen Probleme ist das ein schwer zu akzeptierender Zustand, auch wenn es sicher Umstellungen f├╝r Geh├Ârlose mit sich bringt, wenn mehr fernschriftlich kommuniziert w├╝rde und so die Strukturen des Dolmetschvorgangs angepasst werden m├╝├čten (denn Geh├Ârlose dr├╝cken ja nicht deutsche S├Ątze in Geb├Ąrden aus, sondern praktizieren eine eigene Sprache, die bisher trotz Ans├Ątzen wie der Geb├Ąrdenschrift nicht den Schritt zu einer in Geh├Ârlosenkreisen allgemein anerkannten Schrift geschafft hat).

Wenn z.B. jedoch Rollstuhlfahrer von der Regierung wegen Brandschutzproblemen wieder ausgeladen werden, hat dies einen massiven Aufschrei zur Folge. Dies unterstreicht aus meiner Sicht das Vorhandensein einer letztlich allen Behinderten schadenden sehr ausgepr├Ągten selektiv diskriminierenden Doppelmoral in Reihen der Behindertenfunktion├Ąre, wobei die ausgerechnet auch noch die Behindertengruppe mit dem wohl h├Âchsten Durchschnitts-IQ trifft. ├ťberhaupt scheint es diesbez├╝glich insbesondere unter Rollstuhlfahrern und Blinden einen irritierenden "Elited├╝nkel" zu geben, der mitunter in offene Ignoranz gegen├╝ber anderen behinderten Gruppen umschl├Ągt, die gegen├╝ber der ├ľffentlichkeit nur oberfl├Ąchlich rhetorisch kaschiert wird, um sich nicht so einfach angreifbar zu machen.

Ebenfalls ist festzustellen, da├č in Folge der umfassenden Diskriminierungen von Autisten durch die allgemeine behindertenpolitische Szene nat├╝rlich auch wenig praktische Erfahrung im Umgang mit Autisten vorliegt. Dies f├╝hrt bis heute dazu, da├č ohne b├Âse Absicht von andern Akteuren in einer Autisten belastenden Weise agiert wird. Das betrifft bei barrierefreier Beteiligung vor allem soziales Verhalten. Allerdings ist hier auch festzustellen, da├č die Lernwilligkeit, beziehungsweise der Wille sich auch nur oberfl├Ąchlich mit der fremden autistischen Kultur auseinanderzusetzen selbst bei einigen angeblich sehr progressiven Behindertenvertretern leider oft kaum vorhanden ist, beziehungsweise solche Erwartungen gar mit Aggressionen beantwortet werden. Auch hier ist offenbar noch ein weiter Weg zur├╝ckzulegen. Eine interessante Frage ist, wie weit kulturelle Bejahung als Aspekt von Barrierefreiheit betrachtet werden kann. Wenn wir das Beispiel der Geh├Ârlosen nehmen w├Ąre m├Âglicherweise auch dieser Faktor als Teil von Barrierefreiheit zu betrachten, was aufgrund der gruppenspezifischen Sachlage f├╝r in vielem grundlegend verschiedene Autisten umso mehr gelten sollte. Hierbei sei nur daran erinnert, da├č viele Autisten in menschlich irritierenden Situationen mehr oder weniger handlungsunf├Ąhig werden k├Ânnen.

Allgemeinere abschlie├čende Bemerkungen

Abschlie├čend sei der Vollst├Ąndigkeit halber angemerkt, da├č nicht alle Autisten auf fernschriftliche Kommunikation als Kriterium von Barrierefreiheit bestehen. Das ergibt sich schon aus dem flie├čenden ├ťbergang zur Durchschnittsbev├Âlkerung wie er sich aus dem Autismusspektrumsmodell ergibt, das Autismus als allgemeinmenschliche Pers├Ânlichkeitseigenschaft annimmt. Es hat sich grob gesagt leider eine gewisse ung├╝nstige Spaltung der Autistenszene ergeben zwischen Autisten, die sich in Vor-Ort-Selbsthilfegruppen treffen und solchen, die das nicht als ertr├Ąglich erfahren. Die Grenze erscheint auch zwischen diesen Gruppen als flie├čend und manche Autisten sind offenbar auch noch vom Anspruch getrieben wie NA zu scheinen und nehmen daf├╝r in Kauf nicht angemessen zu Wort kommen zu k├Ânnen. Das mag oft an gesellschaftlich-fremdenfeindlicher Pr├Ągung liegen, die sich dann in Vor-Ort-Treffens-Autistenkreisen dadurch fortsetzt, da├č dort ├╝ber andere Autisten als "peinlich", etc. gel├Ąstert wird, meist ohne da├č dem jemand entschieden entgegentreten w├╝rde. Und dann gibt es noch einige Autisten oder angebliche Autisten, die (teils nur bez├╝glich bestimmter Themenbereiche) tats├Ąchlich gut m├╝ndlich kommunizieren k├Ânnen, dann aber nicht die fernschriftlich kommunizierenden Autisten vertreten k├Ânnen, da ihnen wesentliche Diskriminierungserfahrungen derselben fehlen. Auch in Geh├Ârlosenkreisen kennt man eine ├Ąhnliche Problematik, ist beim Umgang damit allerdings anscheinend schon etwas weiter.