Achtung Achtung!

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Fremdenfeindliche Umerziehung autistischer Kinder (am Beispiel ABA)

Viele nichtautistische Eltern sind mit ihren autistischen Kindern √ľberfordert und suchen die Schuld an dieser √úberforderung und den daraus resultierenden Problemen gerne bei denselben, wohl u.a. auch aufgrund mangelnder Bereitschaft das eigene Wertesystem zu hinterfragen und am eigenen Verhalten zu arbeiten. Autistische Kinder w√ľrden sich wie Nichtautisten gerne vermuten mutwillig "unm√∂glich" verhalten. Dass solches unerw√ľnschte Verhalten immer Ursachen hat und h√§ufig auch Reaktionen auf akute √úberlastung darstellt, wird von den Eltern oft nicht beachtet oder auch nur ernsthaft erwogen. Die L√∂sung vieler Eltern und "Fachleute" besteht darin, dass das Kind mittels m√∂glichst "wirksamer" Therapien zu lernen hat, sich entgegen der eigenen Natur oft unter erheblicher Gewaltanwendnung anzupassen, was faktisch bedeutet, dass das Kind zu einem Nichtautisten gemacht werden soll. Sch√§den, die durch solche Umerziehungsversuche, zum Beispiel bei Homosexuellen oder auch Linksh√§ndern, verurusacht werden, gelten heute als erwiesen. Bei Autisten werden weiterhin solche Methoden angewandt, ohne, dass diesbez√ľglich erkennbar ethische Bedenken ge√§ussert w√ľrden. Dadurch wird auf die Kinder seitens Eltern und Therapeuten oft unmenschlicher Anpassungsdruck ausge√ľbt, der die Kinder h√§ufig traumatisiert, bricht, an den psychischen Abgrund treibt, lebensunt√ľchtig und krank macht.

Applied Behaviour Analysis (ABA) gilt seit geraumer Zeit in einigen Kreisen als einzige "wissenschaftlich erwiesene" Methode, mit der Autisten sich Fertigkeiten aneignen und dadurch zu vollwertigen Mitgliedern dieser Gesellschaft werden k√∂nnten. Damit wird besonders von Einrichtungen geworben, die teils erhebliche Summen mit dieser Therapie umsetzen. Vertreter dieser Methode behaupten entgegen offensichtlicher Tatsachen, es sei f√ľr Autisten unm√∂glich, auf nat√ľrlichem Weg zu lernen oder sich weiterzuentwickeln (http://www.sentex.net/~nexus23/naa_aba.html). Tats√§chlich handelt es sich bei ABA um eine Methode, deren Prinzipien auch auf die Umerziehung von Homosexuellen verwendet wurden. ABA basiert darauf, dass versucht wird, vermeintlich sinnlose Verhaltensweisen, die oft auch allgemeinmenschliche √úberlastungsreaktionen darstellen, zu "l√∂schen", ferner werden s√§mtliche ‚Äď vor allem lebenspraktische ‚Äď Fertigkeiten, die erlernt werden sollen in kleinste Schritte zergliedert und diese den Kindern durch st√§ndiges Wiederholen andressiert. So brauchte Lovaas z.B. 90.000 Versuche, um einem autistischen Jungen eine verbale √Ąusserung beizubringen (Lovaas 1977), weitere Studien weisen √§hnlich hohe Versuchszahlen auf, wobei der Lernerfolg keineswegs garantiert werden kann. Ein weiteres Kind wurde mit 24.000 Versuche, ihm Sprachverst√§ndnis beizubringen, traktiert ‚Äď freilich ohne Erfolg (Eikeseth und Jahr 2001). Dasselbe Kind erlangte, sobald es ohne ABA schriftliche Texte zur Verf√ľgung gestellt bekam, in weniger als 100 Versuchen beachtliche Sprachkompetenz, indes zeigten sich Ans√§tze von ABA, Autisten mittels Texten Sprache beizubringen kaum Erfolg (Lovaas und Eikeseth 2003). Angesichts solcher Beispiele ger√§t die angebliche wissenschaftliche Erwiesenheit doch sehr stark ins Wanken.

Auch in F√§llen, wo es an sich offensichtlich sein sollte, dass das Kind auch ohne oder unabh√§ngig von ABA lernf√§hig ist, stellen es viele Eltern gerne so dar, als ob das Kind ohne ABA nichts k√∂nnen w√ľrde. So schrieb beispielsweise eine Mutter in einem Blogkommentar:

"My daughter has made great strides with ABA therapy as well. I mean I don’t think there’s any question of the effectiveness of it for enabling autistic children to learn. Every single thing she knows, she learned from ABA. This is fact. Except for the things that seem to be her gifts. She spelled words with refrigerator magnets long before ABA therapy. She plays the piano almost in spite of ABA therapy. She taught herself to read without the use of ABA therapy. Adding and subtracting. She was obsessed with numbers and sequences of numbers before ABA.

Having said that, she had no language before ABA, no eye contact, no social skills, absolutely ignored everyone and everything. [...]

ABA changed all those things in 1 year. "(http://blisstree.com/feel/what-i-think-about-aba-and-recovery/comment-pa...

√úbersetzung: Meine Tochter machte ebenfalls grosse Fortschritte mit der ABA-Therapie. Ich meine, ich denke nicht, dass die Wirksamkeit der Therapie, autistischen Kindern das Lernen zu erm√∂glichen, in Frage steht. Jedes einzelne Ding, das sie kann, hat sie von ABA gelernt. Das ist Fakt. Abgesehen von den Dingen, die ihren Talenten entsprechen. Sie buchstabierte lange vor der ABA-Therapie W√∂rter mit K√ľhlschrankmagneten. Sie spielt trotz ABA-Therapie Klavier. Sie brachte sich selbst ohne den Einsatz von ABA-Therapie das Lesen bei. Addieren und Subtrahieren. Sie war vor ABA von Zahlen und Zahlenreihen besessen.

Nichtsdestotrotz hatte sie vor ABA keine Sprache, keinen Augenkontakt, keine soziale Kompetenz, ignorierte völlig jeden und alles.

ABA veränderte alle diese Dinge in einem Jahr")

In Deutschland findet ABA zunehmend Verbreitung. Dass dabei grundlegende Menschenrechte verletzt werden und autistischen Kindern z.B. Gesundheit und freie Entfaltung der Pers√∂nlichkeit nicht zugestanden werden, ohne, dass dabei die eigenen Anspr√ľche von ABA auch nur ansatzweise erf√ľllt w√ľrden, findet hierbei anscheinend keine Ber√ľcksichtigung.

Grundlagen

Auf Websites von ABA-Anbietern wird grunds√§tzlich mit dem bereits erw√§hnten Schlagwort der wissenschaftlichen Erwiesenheit geworben und ausdr√ľcklich betont, dass ABA sich die grundlegenden Erkenntnisse der Lernpsychologie zueigen mache und ABA eben nicht mehr stures Auswendiglernen beinhalte, als andere Lernmethoden, bei denen auch grundlegende Fertigkeiten auswendig gelernt werden m√ľssten. Jeder, der Lernpsychologie nicht vollkommen ablehnt, muss also, so die wohl unhaltbare Schlussfolgerung von ABA-Vertretern, auch ABA bef√ľrworten. Faktisch vertritt der ABA-Ansatz auch ein ganz bestimmtes Weltbild. So genannte "positive Verst√§rker" sollen das autistische Kind nach einem von nichtautistischen Erwachsenen gemachten Plan dazu animieren, das zu tun, was von ihm erwartet wird. Eltern sollen die komplette Kontrolle √ľber das Umfeld des Kindes erlangen, dem Kind zeigen, dass sie ganz genau wissen, wof√ľr sich es sich interessiert und dem Kind nur dann f√ľr das Kind interessante Gegenst√§nde zur Verf√ľgung stellen oder solche T√§tigkeiten erlauben, wenn es die gestellten Aufgaben zur Zufriedenheit der Eltern erf√ľllt wurden. Verhalten, das aus Sicht der Eltern unangemessen erscheint, soll konsequent unterbunden und dadurch "gel√∂scht" werden.

Einer der gr√∂ssten ABA-Anbieter in Deutschland stellt die Grundlagen des zeitgen√∂ssischen ABA/VB (VB steht f√ľr Verbal Behaviour, dazu siehe weiter unten) in sieben Schritten wie folgt dar. Diese Schritte sollen deswegen wirksam sein, weil sie eine Barriere darstellen, "welche den Zugang Ihres Kindes zu unverdienter Verst√§rkung blockiert". So sollen die Eltern in einem ersten Schritt, dem Kind aufzeigen, dass sie die Kontrolle √ľber s√§mtliche Gegenst√§nde besitzen, die das Kind interessant findet. Die Eltern haben die Macht zu entscheiden, wann sich ein Kind, wie lange, womit besch√§ftigt. Das Kind soll sich die Besch√§ftigung mit seinen bevorzugten Gegenst√§nden erstmal durch Kooperation verdienen. Im Idealfall sollen die bevorzugten Spielsachen des Kindes so aufbewahrt werden, dass sie das Kind zwar sehen, aber nicht erreichen kann, zumindest soll auf jeden Fall sichergestellt werden, dass das Kind genau weiss, wo die Sachen aufbewahrt werden. Ersatzinteressen sind ebenso unzul√§ssig. Ferner sollen die Eltern oder Therapeuten im Rahmen einer ABA/VB-Therapie eine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen, so dass das Kind die Eltern oder Therapeuten mit positiver Verst√§rkung in Verbindung bringt (sog. Pairing). Das Kind soll vermittelt bekommen, dass es mit den Eltern Spass haben kann und dies auch nur, wenn es sich so verh√§lt, wie dies von den Eltern erw√ľnscht ist. Auch w√§hrend der Zeit, in der das Kind die Erlaubnis hat zu spielen, soll "unangemessenes" Verhalten sofort unterbunden werden. So soll sich ein Kind, w√§hrenddessen es Musik h√∂ren darf, beispielsweise nicht aus dem Raum entfernen oder anderweitig "unangebracht" verhalten, was dazu f√ľhren soll, dass die Musik, solange das Kind dem "unangebrachten" Verhalten nachgeht, ausgeschaltet wird. Drittens sollen die Eltern eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Kindern aufbauen und stets meinen, was sie sagen. Dies bedeutet auch, dass sich die Eltern so ausdr√ľcken sollen, dass das Kind sich notwendigerweise dazu "entscheiden" wird, das auszuf√ľhren, was von ihm erwartet wird. Ohne in Zynismus zu verfallen, l√§sst sich solches Verhalten, das faktisch keine Alternativen offenl√§sst, wohl kaum als freie "Entscheidung des Kindes" betrachten. Daran kn√ľpft auch der vierte Punkt an, das Kind soll n√§mlich lernen, dass faktisch der einzige Weg, sich mit f√ľr es interessanten Dingen zu besch√§ftigen, darin besteht, das zu tun, was von ihm erwartet wird. Solange das erw√ľnschte Verhalten nicht gezeigt oder die gestellte Aufgabe nicht gel√∂st wird, soll das Kind keinen Zugang zu einer positiven Verst√§rkung erlangen. F√ľnftens soll das Erf√ľllen von gestellten Aufgaben z.B. mit dem zuvor weggenommenen Spielzeug konsequent belohnt werden. Das Ziel ist, dass das Kind von selbst auf die Eltern zukommen und auf Anweisungen warten wird, damit es sich wieder mit interessanten Dingen besch√§ftigen kann. Von Selbstbestimmung, wie sie gem√§ss UN Konvention √ľber die Rechte behinderter Menschen auch Autisten zukommt, kann hier wohl keine Rede sein. Ausserdem sollen die Eltern, um einen reibungslosen Ablauf der anderen Punkte zu garantieren, die Interessen des Kindes genausogut kennen, wie ihre eigenen. Kein Interesse des Kindes soll unerkannt und ungenutzt bleiben. M√∂gliche Verst√§rker sollen variiert werden, damit das Kind nicht pl√∂tzlich das Interesse an ihnen verliert. Auch sollen die Lieblingsdinge des Kindes nicht bei allt√§glichen Aufgaben zum Einsatz kommen, sondern bevorzugt bei solchen, die dem Kind am meisten M√ľhe bereiten und die aus Sicht der Eltern besonders wichtig sind, wie beispielsweise Spracherwerb. Abschliessend soll das Kind lernen, dass Nichtkooperation unter keinen Umst√§nden zum Erhalt von Verst√§rkern f√ľhrt. S√§mtliche unangemessenen Verhaltensweisen des Kindes sollen konsequent unterbunden werden. Dies soll, wenn sich das Kind beispielsweise von einer Aufgabe entfernt, ohne diese gel√∂st zu haben, durch Ignorieren des Kindes erfolgen.

Verhaltensweisen, wie sie w√§hrend einer ABA-Therapie, beispielsweise durch konsequentes Ignorieren, Verbot von Lieblingst√§tigkeiten oder auch Wegnahme von Lieblingsdingen empfohlen werden, werden, ausserhalb von ABA, gemeinhin Mobbingsituationen zugerechnet. Auch muss die Wegnahme und absolute Kontrolle √ľber das Spielzeug des Kindes auf das Kind bestrafend wirken, was dann die Schlussfolgerung zul√§sst, dass auch zeitgen√∂ssisches ABA/VB Aversiva einsetzt, lediglich nicht so offensichtlich, wie die klassische Variante von ABA, was die Sch√§dlichkeit dessen nicht reduzieren mu√ü.

Angebliche Widerspr√ľche: Autismus und Intelligenz

Autismus und Intelligenz oder gar selbst√§ndiges Lernen scheinen f√ľr ABA-Vertreter unvereinbare Gegens√§tze zu sein, die ohne intensive ABA-Therapie keineswegs vereint werden k√∂nnten. Die erwiesene Tatsache, dass Autisten mitunter in bestimmten, sie interessierenden Bereichen zu H√∂chstleistungen f√§hig sind, ohne, dass ihnen diese F√§higkeiten von Therapeuten oder Eltern antrainiert wurden oder, dass heute erwachsene Autisten, die heutzutage wohl als "schwer betroffen" eingestuft w√ľrden, ganz ohne je mit ABA behandelt worden zu sein, selbst√§ndig leben k√∂nnen und zum Teil in ihren Berufen √ľberaus erfolgreich sind (dies wurde beispielsweise z.T. von Asperger 1944, Kanner 1973 sowie Szatmari et al. 1989 untersucht), findet bei Vertretern von ABA keine Beachtung. Teilweise werden von ABA-Vertretern sinnlose autistische Verhaltensweisen, was, je nach Definition, auch aussergew√∂hnliche F√§higkeiten in bestimmten Teilbereichen beinhaltet, sowohl als l√∂schungsw√ľrdig, als auch als Verst√§rker, wohl je nach Situation, angewandt (http://www.google.com/url?sa=t&source=web&ct=res&cd=1&ved=0CA4QFjAA&url=...).

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu autistischem Lernen sind wenig ausgereift und h√§ufig paradox. √Ąhnliche Aussagen wurden auch im Rahmen der Behandlung von Homosexuellen √ľber Homosexuelle getroffen. Ebenso wie heute √ľber Autisten, wurde beispielsweise √ľber Homosexuelle behauptet, dass sie unf√§hig w√§ren, antrainierte F√§higkeiten zu verallgemeinern und auch im Rahmen von Situationen anzuwenden, die nicht explizit ge√ľbt wurden (Rekers und Lovaas 1974). Die Unf√§higkeit zu verallgemeinern scheint also vielmehr ein Problem darzustellen, das auftritt, wenn Menschen zu Verhaltensweisen gedr√§ngt werden, die ihrer Veranlagung in hohem Masse widersprechen. Heute w√ľrde dies wohl kaum jemand von Homosexuellen behaupten, in Bezug auf Autisten sind solche Aussagen noch immer an der Tagesordnung.

Hintergr√ľnde

Bereits in den 1970er Jahren wurde an der University of California, Los Angeles (UCLA) mit finanzieller Beteiligung des National Institute of Mental Health von Lovaas, auf den die heutige ABA-Intervention zur√ľckgeht, eine Studie, das Feminine Boy Project (FBP), durchgef√ľhrt, die zum Ziel hatte, mit den Prinzipien des operanten Konditionierens nach Skinner, Jungen, die als weiblich geltende Verhaltensweisen an den Tag legten, zu "richtigen" Jungen zu erziehen. Von Videoaufnahmen, die jeweils vor und nach Beginn der Therapie gemacht wurden, wurde gesagt, die therapierten Kinder seien wie ausgewechselt und w√ľrden sich nach der Therapie in keiner Weise von anderen gleichaltrigen Jungen unterscheiden. Das Projekt geriet rasch in die Kritik, vor allem ethische Bedenken wurden, u.a. auch von heutigen Vertretern von ABA, ge√§ussert. Es wurde gefordert, dass bei solch gravierenden Eingriffen in die Pers√∂nlichkeit eines Menschen, betroffene Interessengruppen, also z.B. Homsexuelle, Transsexuelle und Feministen, in die Entscheidungsprozesse und die ethische Debatte miteinbezogen werden sollten. Die Annahme, auf der die Studie beruhte, n√§mlich, dass Nicht-Heterosexuelle weniger wert und ohne Hilfe nicht f√§hig seien, ein gl√ľckliches, erf√ľlltes Leben zu f√ľhren, wurde gr√ľndlich hinterfragt. Einer der zwei Jungen, deren Umerziehung im FBP als Erfolg gefeiert wurde, beging Selbstmord.

Am selben Forschungsinstitut wurde das "Young Autism Project" gestartet, das ebenfalls von Lovaas geleitet wurde, der sich, als die staatliche Subventionierung f√ľr das FBP auslief, vom Projekt distanzierte. Der Ansatz war weitgehend derselbe, nur die Zielgruppe eine andere. Im Gegensatz zum FBP stellte die Frage Ethik, oder gar die Einbeziehung betroffener Interessengruppen, keine Kritikpunkte mehr dar und wurden bislang, mit Ausnahme des Einsatzes von massiven Aversiva, auch so gut wie nicht diskutiert. Autisten wurden keinerlei Mitspracherechte gew√§hrt, was sich bis in die Gegenwart gehalten hat, obwohl mittlerweile hinreichend viele Autisten sich √∂ffentlich zu ihrem Autismus bekennen und beweisen, dass sie durchaus in der Lage sind f√ľr sich selbst zu sprechen. Meist werden diese Autisten als lediglich "leicht betroffen" dargestellt, die unm√∂glich die "schwer betroffenen" Autisten verstehen k√∂nnten. Die offensichtlich irrige Annahme, dass Nichtautisten, die autistische Wahrnehmung oft nicht einmal ansatzweise nachvollziehen k√∂nnen, in der Lage sind, zu entscheiden, was f√ľr Autisten gut ist, wird hingegen als Tatsache dargestellt (http://www.sentex.net/~nexus23/naa_aba.html).

1987 ver√∂ffentlichte Lovaas eine Studie, die auch heute noch oft auf Websites von ABA-Anbietern zitiert wird. Dieser Studie zufolge erf√ľllten insgesamt 47% der 19 Vorschulkinder, die im Durchschnitt 40 Stunden w√∂chentlich ABA-Therapie erhielten, die Kriterien, die Lovaas f√ľr ein "recovery" angesetzt hatte. Um Kritikern weniger Angriffsfl√§che zu bieten, wurde, um allf√§llige Placebo-Variablen auszuschliessen, eine weitere Studie innerhalb der Studie durchgef√ľhrt, um zu zeigen, dass ein Bestandteil von ABA der entscheidende Faktor f√ľr den Erfolg der Therapie war. Die Komponente, die diesbez√ľglich gesondert untersucht wurde, war der Einsatz von massiven Aversiva, der bei je vier Kindern der Experimental- und Kontrollgruppe variiert wurde. Die Fortschritte derjenigen Kinder, die nicht mit massiven Aversiva bedacht wurden, wurden von Lovaas als ungen√ľgend und instabil beschrieben (Lovaas 1987; McEachin, J. J., Smith, T., & Lovaas, O. I. 1993). Auch dies ist an sich eher wieder ein starkes Indiz gegen die Argumentation der "wissenschaftlichen Erwiesenheit", zumal massive Aversiva laut ABA-Anbietern angeblich nicht mehr zum Einsatz kommen w√ľrden (was aber faktisch nach wie vor der Fall ist, siehe oben).

Die Abkehr von massiven Aversiva zur "Spasstherapie"

In den vergangenen Jahren geriet ABA aufgrund des Einsatzes von massiven Aversiva zunehmend in die Kritik, bis eine Distanzierung von den offensichtlichen massiven Aversiva erfolgte. Nichtsdestotrotz wird weiterhin die Studie von Lovaas zitiert und die 47%, die den höchsten mit ABA erzielten "Erfolg" darstellen (die darauffolgenden Studien, die ohne massive Aversiva arbeiteten, weisen im Grunde entweder verschwindend kleine Prozentsätze an "recoveries" oder/und eklatante methodische Mängel auf), werden so dargestellt, als wären diese 47% die Erfolge des heutigen ABA, das, wie betont wird, ohne massive Aversiva arbeitet und "Spass" in den Vordergrund stellt.

"Spass" ist wohl eines der zeitgem√§√üen, modischen Schlagw√∂rter, mit dem heutiges ABA angepriesen wird. Seit ABA in Kombination mit Verbal Behaviour (VB) praktiziert wird, soll sich die Methode grundlegend ge√§ndert haben. Das Kind soll vermittelt bekommen, dass es nur Spass haben kann, wenn es mit den Eltern oder den Therapeuten interagiert und, dass es sich nicht lohnt, nicht zu kooperieren, weil es dann keine positive Verst√§rkung erf√§hrt. Die Eltern sollen die bevorzugten Spielsachen des Kindes kontrollieren und, abh√§ngig vom Verhalten des Kindes, jeweils entscheiden, wann es sich womit, wie lange besch√§ftigen darf. Aus Elternsicht angemessenes Verhalten wird durch Verst√§rker belohnt, aus Elternsicht unangemessenes Verhalten soll m√∂glichst "gel√∂scht" werden. Das K√∂nnen eines autistischer Jungen beispielsweise, der im Rahmen einer intensiven ABA-Intervention pl√∂tzlich erstaunliche F√§higkeiten im Kalenderrechnen an den Tag legte, wurde nach Bekanntwerden unterdr√ľckt und der Kategorie der unangebrachten Verhaltensweisen zugerechnet (Epstein et al. 1985). Dies soll das Kind dazu bewegen, sich zu "entscheiden", zu kooperieren, weil es nur dadurch die M√∂glichkeit hat, sich mit dem zu besch√§ftigen, das es tats√§chlich interessiert. Ebenso ist augenscheinlich, da√ü sinnhafte aber unverstandene intutive Reaktionen von Autisten angegriffen werden, die in ihrer abweichenden Wahrnehmung begr√ľndet sind, im √ľbertragenen Sinne Reaktionen wie die Schmerzreaktion auf einen Stachel im Fu√ü. Solche an sich gesunde Reaktionen wegen Unverst√§ndnis der Materie zu unterbinden l√§uft letztlich auf dadurch verursachte gr√∂√üere Gesundheitssch√§den hinaus und die Verhinderung der M√∂glichkeit des Autisten selbst f√ľr sich ein angemessenes Lebensumfeld zu finden. So schrieb auch eine Autistin, an der ABA angewendet wurde, in einem US-Forum √ľber ihre Therapieerfahrungen:

"When I was asked to do something in exchange for a reward that I wanted very much, eventually I just started to hate the whole process. It made me feel like I could never get a break, never relax, or I'd lose what I loved most... I felt totally helpless, like they were yanking me around on a string and could make me do whatever they wanted. My decisions weren't my own" (http://www.wrongplanet.net/postp2462249.html#2462249 Wenn ich gebeten wurde etwas f√ľr eine Belohnung, die ich sehr wollte, zu tun, begann ich den ganzen Vorgang zu hassen. Es gab mir das Gef√ľhl, nie eine Pause zu bekommen, nie zu entspannen oder ich w√ľrde das verlieren, was ich am meisten liebte... Ich f√ľhlte mich v√∂llig hilflos, als ob sie mich auf einem Seil herumziehen w√ľrden und mich dazu bringen k√∂nnten alles zu tun, was sie wollten. Meine Entscheidungen waren nicht meine eigenen.).

Dadurch, dass sich Kinder ihre Freizeit faktisch erst verdienen m√ľssen und nur dann ihren Interessen nachgehen k√∂nnen, wenn sie sich aus Elternsicht angemessen verhalten ‚Äď wobei vernachl√§ssigt wird, dass auch vermeintlich unangemessenes autistisches Verhalten immer Gr√ľnde hat und h√§ufig auch auf allgemeinmenschliche √úberlastungsreaktionen zur√ľckzuf√ľhren ist ‚Äď werden sie zu unselbst√§ndigen psychischen Wracks erzogen, die auf direkte Anweisungen angewiesen sind und durch ABA wohl auf effektive Weise zu leicht h√§ndelbaren Heimbewohnern gemacht werden ‚Äď wobei solche Behindertenheime sp√§testens seit der UN-Konvention √ľber die Rechte behinderter Menschen Auslaufmodelle sind.

Vermeintlich Innovatives: Verbal Behaviour

VB wird heutzutage meist in Kombination mit ABA angeboten und als das innovative Element in ABA dargestellt, das zu einer grundlegenden Weiterentwicklung von klassischem ABA zu ABA/VB beigetragen hat. Die Grundlagen von VB gehen, ebenso wie diejenigen von ABA, auf Skinner zur√ľck, der versuchte, aus verhaltensanalytischer Sichtweise eine theoretische Analyse der Sprache darzustellen. Auch kamen teilweise linguistische Modelle zum Einsatz (Skinner 1957). 1959 erschien vom Linguisten Noam Chomsky eine Besprechung Skinners Werk. Chomsky argumentierte, dass VB den sprachlichen Gegebenheiten nicht einmal ansatzweise gerecht werden k√∂nne und sie √ľber Geb√ľhr vereinfache. W√ľrde man die von Skinner definierten Begriffe so verstehen, wie sie von Skinner definiert wurden, sei Skinners sprachliche Analyse offensichtlich falsch. W√ľrden die Begriffe hingegen im √ľbertragenen Sinn verstanden, so handle es sich lediglich um eine allt√§gliche Betrachtung der Sprache, die in einer wissenschaftlichen Sprache verfasst sei, so schreibt Chomsky: "This creates the illusion of a rigorous scientific theory with very broad scope, although in fact the terms used in the description of real-life and laboratory behavior may be mere homonyms" (Chomsky 1959: 31). In behaviouristischen Kreisen wurde Chomskys Kritik wiederum Kritikgegenstand, wobei behauptet wurde, Chomsky habe Skinner in seiner Komplexit√§t nicht erfasst (Kenneth MacCorquodale 1970; David C. Palmer 2006). Indes gilt ausserhalb des Behaviorismus seit Chomskys Kritik die Analyse von Skinner als widerlegt und wird h√∂chstens unter historischem Gesichtspunkt betrachtet. VB wird heute vor allem zur "Behandlung" von Autismus eingesetzt, wobei Chomskys Kritik keinerlei Beachtung findet und bei Darstellungen dar√ľber, worum es sich bei VB handelt, nicht einmal ansatzweise diskutiert wird.

Siehe auch:

Unser Autismus-Lexikon

http://www.sentex.net/~nexus23/naa_aba.html

http://psych.wisc.edu/lang/pdf/Gernsbacher_Scientifically_Proven_.pdf