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Psychiatrisches Profiling ist Volksverhetzung

Das Thema um das es mir hier geht, regt mich sehr auf. Der Leser möge meinen gerechtfertigten Ärger und meine bewußt unverblĂŒmte Ausdrucksweise verstehen.

Wir sehen [in den USA] einen sich beschleunigenden Zyklus aus Artikeln in hochangesehenen Medien, die einen Amoklauf mit einer BeweisfĂŒhrung verbinden, daß der jeweilige TĂ€ter "psychisch krank" sei. Diese Beispiele erscheinen immer schneller und schneller. Der [US-]PrĂ€sident sprach von einem Zyklus von "allen 3-4 Monaten". Ich habe keine Ahnung, ob es mehr solche Gewalttaten gibt. So wie ich keine Ahnung habe, ob die USA ungleicher, Ă€rmer, niedertrĂ€chtiger, rassistischer, frauenfeindlicher werden. Ein stĂ€rkerer internationaler Aggressor, bereiter Zivilisten fĂŒr die eigenen Vorstellungen von Recht und Gesetz in anderen LĂ€ndern zu töten.

Oder ob Organisationen wie Torreys “Treatment Advocacy Center” schlichtweg genug LĂŒgen in den Medien verbreitet haben, so daß diese Art von Berichten sich nun selbst weiter fortpflanzt. Setzen wir einmal die große Anzahl von Menschen voraus, die rezeptpflichtige Psychodrogen einnehmen, also Ă€rztlicherseits entsprechend diagnostiziert wurden. Betrachten wir weiter, wie im Nachhinein Personen aus dem Umfeld eines AmokschĂŒtzen diesen im Eindruck des Geschehens als "instabil" beschreiben, als eine "tickende Zeitbombe" oder im Sinne anderer dĂ€monisierender Attribute basierend auf dem Konzept der "gewalttĂ€tigen psychischen Erkrankung", dann sollte es immer möglich sein solche Geschichten zu finden.

Der PrĂ€sident hat dem Land und den BĂŒrgern, die mit psychiatrischen Verleumdungen leben mĂŒssen schweren und unverzeihlichen Schaden zugefĂŒgt, indem er die verbreitete Verleumdung bestĂ€tigte, daß wir fĂŒr GewalttĂ€tigkeit anfĂ€llig seien. Und dies eine genauere PrĂŒfung unseres Verhaltens erfordere, einschließlich stĂ€rkerer EinschrĂ€nkungen unserer bĂŒrgerlichen Rechte. Und wir als Minderheit unter noch aufwĂ€ndigere Kontrolle durch das bekannte unverantwortliche und diskriminierende auf uns zielende Überwachungs- und Internierungslagersystem gestellt werden mĂŒĂŸten, das wir als "Psychiatrisches Gesundheitssystem" kennen. Wir mĂŒssen verstehen, daß dies alles nicht mehr als eine Verleumdungskampagne ist. Es ist offenbar auch nicht möglich rational zu diesem Thema zu diskutieren. Jedesmal, wenn wir es versucht haben das Fehlen von Evidenz fĂŒr statistische ZusammenhĂ€nge herauszuarbeiten, hatten diese rationalen Argumente keine Wirkung. Stattdessen schienen sie eher noch Öl ins Feuer zu gießen.

Nun möchte ich etwas herausarbeiten, wie Profiling funktioniert und warum es immer falsche Ergebnisse hervorbringt. Es ist irrelevant, ob ein statistischer Zusammenhang besteht zwischen einzelnen demografischen Faktoren und der Wahrscheinlichkeit, daß ein Individuum ein Verbrechen begehen wird. Profiling basiert auf Betrachtung bestimmter demografischer Faktoren, die wegen tiefsitzender Vorurteile ins Visier genommen werden, die tatsĂ€chlich erwarten, daß jemand als unmenschlicher Schwarzer Mann mit ĂŒbermenschlicher StĂ€rke unter Kontrolle und Aufsicht gehalten werden muß. Wir sehen das klar bei ethnischem Profiling - mindestens einige von uns denken auch so. Deswegen konnte es das Urteil im Fall George Zimmerman geben, deswegen sind die Morde an farbigen MĂ€nnern, Frauen, MĂ€dchen und Jungen durch die Polizei keine tragischen Einzeltragödien, sondern ein erschĂŒtternder systematisch geschĂŒrter Massenmord einer rassistischen Gesellschaft.

Und es gibt keinen Unterschied zu psychiatrischem Profiling. Wir sind Ziel wegen unserer hartnĂ€ckigen Vorverurteilung, welche rassistischen Vorurteilen weitgehend Ă€hnelt: Behinderte Minderheiten und ethnische Gruppen waren schon immer die beiden Pole des Weltbilds von Eugenikern, das einige Teile der Bevölkerung herauspickt und als "unnĂŒtze Esser" einordnet, wert ausgebeutet und weggeworfen zu werden. Es spielt keine Rolle, ob die Behinderten zugeschriebene Minderwertigkeit nur im Kopf des Betrachters existiert - das gab es schon immer. Immer gibt es ZusammenhĂ€nge zwischen der Fremdwahrnehmung einer Person, die seltene GeisteszustĂ€nde oder kulturelle HintergrĂŒnde aufweist und ihrer Ausgrenzung aus der Mehrheitsgesellschaft. Die GrĂŒnde können unpassende UmgebungszustĂ€nde sein und die Ausgrenzung beruht auf Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Klassenzugehörigkeit und andere Kriterien der Ausgrenzung, die wir benutzen. (Beispielsweise entschied der Supreme Court im bekannten Fall Buck vs. Bell, daß zwangsweise Sterilisation rechtmĂ€ĂŸig sei und verleumdete eine Familie aus Frauen als "Schwachsinnige". Unter welchen gesellschaftlichen Behinderungen sie auch immer gelitten haben mögen, sie waren sicherlich arm.)

Weder die Nazis mit ihrer mörderischen Agenda noch das zeitgenössische Regime von Konzentrationslagern und ausgrenzenden Sondergesetzen unter dem Vorsitz der Psychiatrie interessiert(e) sich dafĂŒr, ob du dich selbst als behinderte Person identifizierst, als psychisch krank [oder Jude], als eigen oder exzetrisch oder als normal. Die Selektion wurde vorgenommen und du bist zur Rechten oder Linken sortiert worden. Bisher wurden wir noch nicht vergast, aber wir werden durch Fremdkontrolle, durch Psychodrogen und Elektroschocks, durch die Polizei mit Schußwaffen und Teasern ermordet.

Ich möchte, daß wir klar erkennen, was mit uns gemacht wird - nach meinem kulturellen VerstĂ€ndnis ist psychiatrisches Profiling nichts anderes als die Volksverhetzung gegen Juden, erfunden um Pogrome zu rechtfertigen. Ich las Geschichten aus dieser Zeit und die Ähnlichkeiten der VorgĂ€nge trafen mich wie der Schlag. Wie Ă€hnlich Menschen sich hinkauerten, wartend daß es vorĂŒbergeht, versuchten mit verantwortlichen AutoritĂ€ten vernĂŒnftig zu reden, sich als angebliche Nichtjuden durchschlugen, sich Strategien entwarfen wie auch immer sie ĂŒberleben könnten. Eine Volksverhetzung kann nicht diskutiert werden. Nun, rĂŒckblickend, hoffe ich, daß die meisten Menschen diese Volksverhetzung als so gegenstandslos wie folgenschwer erkennen, die in ihrer Zeit geglaubt wurde. Manche Bigotte werden jedoch auch heute noch daran glauben und sich vor diesem "Schwarzen Mann" fĂŒrchten.

Diese Woche redete ich mit zwei Freunden, ich sagte ihnen, daß jetzt, wo die Interpretation der UN-Behindertenrechtskonvention weitgehend gesichert ist, wir unsere Aufmerksamkeit nun auch positiven Maßnahmen zuwenden sollten: Was wollen wir erleben in einer Welt, die ohne Zwangspsychiarie neu gestaltet wird? Wenn eine Regierung uns mitteilt: "OK, wir werden die psychiatrischen Sondergesetze aufheben und mit Entrechtung und Zwangsbehandlungen aufrĂ€umen. Was sollen wir noch tun, damit wir sichergehen, daß Menschen haben was sie brauchen und nicht weiter diskriminiert werden, wenn sie ungewöhnliche Gedanken haben oder ernsten Kummer oder Krisen durchleben?" - was wĂŒrden wir antworten?

Beide Freunde reagierten heftig, was veranschaulicht wie tiefen Hass wir unter dem noch aktuellen Regime erfahren. Wie uns dieser Hass selbst hat fĂŒhlen lassen als wĂ€ren wir als Menschen nichts wert. Es ist schwer zu realisieren wie sehr man die gesellschaftlichen Verleumdungen verinnerlicht hatte, man nicht stark genug war das eigene gesunde Selbstbild davon unangetastet zu bewahren. Wie genau das eine Voraussetzung dafĂŒr war, daß man uns als psychisch krank verleumden konnte. Ganz besonders als Frau. Es macht mich wĂŒtend. Es macht uns wĂŒtend. Und wir sollten es nicht mehr innerlich annehmen.

Das ist keine SchwĂ€che oder Verletzbarkeit. Wir sind verdammt stark, weil wir ĂŒberlebt haben, was wir erleben mußten. Und die, die nicht ĂŒberlebt haben, wĂŒrden die gleiche StĂ€rke in sich finden, wenn sie in unsere Schuhe gesteckt worden wĂ€ren. Was wir ĂŒberlebten (aus meinen Notizen zu einem dieser GesprĂ€che, in welchem auch meine Partnerin und ihre BeitrĂ€ge einbezogen sind):

- Schindluder mit dem Selbstwert einer Person und ihrer Wahrnehmung in der Welt - das ist ZufĂŒgen von seelischem Leid und lĂ€uft auf Folter hinaus.
- Systematische Folter, weil alles nur gefĂŒhllose Experimentiererei war: "Du bist ein wissenschaftliches Projekt." Sie gaben falsche, unvollstĂ€ndige und irrefĂŒhrende Informationen (es gab also keine Zustimmung auf der Grundlage korrekter Beratung) und versagten dabei alle Informationen ĂŒber schĂ€dliche Wirkungen zu sammeln, die bereits beobachtet wurden. Sie geben dir Substanzen, von denen sie keine Ahnung haben und erzĂ€hlen dir nur, was sie meinen, das du wissen solltest. Sie behandeln uns als unmenschlich, als wĂ€re nichts dabei. Das kann geschehen, weil es eine Art von kontrollierender Supervision in der Anwendung der Psychiatrie gibt, die es so in der Anwendung der physischen Medizin nicht gibt.
- Jemanden so "anders" machen, daß man mit ihnen alles anstellen kann. Das bezieht sich nicht nur auf die Akte offener GewaltausĂŒbung. Wenn ein Elter sein Kind schlĂ€gt, wird es nach einer Weile ausreichen, daß das Elter das Kind anschaut, damit das Kind unter der auf Konditionierung beruhenden Kontrolle ist. Sie mĂŒssen gar nicht weiter prĂŒgeln, die FingernĂ€gel ziehen, sie jeden Tag mit Thorazin vergiften. Sie mĂŒssen nicht mehr tun als die Person so in Angst und Schrecken zu versetzen, daß sie nicht mehr sie selbst sein kann.
- Sie vermittelten mir das GefĂŒhl, ich gehöre nicht in diese Welt wie ich nun bin. Ich denke, das ist unverzeihlich.

Das alles zeigt mir wieder, daß wir zu jeder Zeit, in der unsere Rechte von den Vereinten Nationen entschieden anerkannt werden eine weitere Schicht unserer eigenen Erfahrung und FĂ€higkeit die extremen und ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen gegen uns zu bekĂ€mpfen freilegen. Fortschritt verlĂ€uft nicht linear. Und wĂ€hrend ich weiterhin denke, daß wir uns Gedanken darĂŒber machen mĂŒssen, wie eine neue Welt gestaltet werden könnte, auch wenn wir noch im Griff des alten Regimes sind, wird der nĂ€chste Schritt vielleicht sein, das zurĂŒckzuweisen, was uns dann aufgetischt wird und uns darĂŒber zu empören, sowie uns selbst und alle anderen vor Vergeltungsaktionen zu schĂŒtzen.

Tina Minkowitz, New York
International Representative des Weltweiten Netzwerks der Nutzer und Überlebenden der Psychiatrie - WNUSP (wnusp.net)

Übersetzt mit Genehmigung.
Die Übersetzung orientiert sich am angenommenen Sinngehalt und stellt keine Wort-fĂŒr-Wort-Übersetzung dar. Der Originaltext findet sich hier: http://www.madinamerica.com/2013/10/psychiatric-profiling-blood-libel